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14. September 2017

Martin Luthers spritziger Cocktail

Der Kölner Domorganist Winfried Bönig im Freiburger Münster.

  1. Winfried Bönig Foto: Pro

Luther lebt. Zumal im laufenden Jubiläumsjahr. Und: in dem heiteren Liederraten, das der aus Weil am Rhein stammende Enjott Schneider in seinem skurrilen Opus "Luthermania" veranstaltet. Aus diversen Chorälen des Reformators mixt der Wahl-Münchner (Filmmusik-)Komponist ("Schlafes Bruder") einen spritzigen Cocktail. Aus dem "Ein feste Burg ist unser Gott" geschmacklich hervorsticht. Flinkes, Spielerisches und Kontrastreiches findet sich in dieser improvisationsnahen, unterhaltsamen Musik, die mit dem Mittel der Verfremdung arbeitet. Die "Feste Burg" als Leitmotiv. Winfried Bönig kredenzte das Stück jetzt bei seinem Orgelkonzert im Freiburger Münster.

Eingeleitet hatte der Kölner Domorganist, Orgelprofessor und promovierte Musikwissenschaftler den Abend seriös mit Werken des Lutheraners Bach. An der renovierten Marienorgel erklangen die sogenannte Dorische Toccata und Fuge, deren Tonart gleichwohl d-Moll ist. Weil es tonartlich passt und unser Ohr sich auch über weniger Opulentes freut, war dazwischen die Leipziger Choralbearbeitung "Allein Gott in der Höh sei Ehr" geschaltet, jenes anmutige Trio BWV 664 im dominantischen A-Dur. Dieses kammermusikalische Intermezzo machte Sinn – vor allem in Sachen Dynamik.

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So fiel schon bei der zudem recht flott genommenen Toccata das beinah französische Zungenstimmen-Potenzial auf. Was bedeutet: Trompete & Co. sind da. Und die Manualwechsel. Wobei Bönig indes, verglichen mit dem Grundduktus, punktuell auch mal eine ganz leichte Tendenz zum Eilen erkennen ließ. In der keineswegs zäh angegangenen Fuge gesellte sich zum metallischen Zungensound noch mixturiger Silberglanz. Da umfasste die klangliche Aufrüstung – als Steigerungsmittel – sogar das Kontrafagott, ergo: das tiefste Zungenregister der vier Freiburger Münsterorgeln. Die Choral-Adaption wirkte wie ein eher unspektakulär registrierter hurtiger Satz aus einer Bach’schen Triosonate, hier überdies mit finalem Liedschmuck, konkret: den ersten beiden Choralzeilen im Pedal.

Von säuselnder Mystik bis zum Fortissimo-Gipfel reicht die Bandbreite in Sigfrid Karg-Elerts wenig bekanntem "Sursum corda" op. 155 Nr. 2. Mit diesem Titel adaptiert der oft so eigenwillige Leipziger Reger-Nachfolger eine liturgische Formel ("Erhebet die Herzen") der Messfeier. Bönig, der 1959 in Bamberg geborene einstige Münchner Lehrndorfer-Schüler, bewies sehr viel Gespür für Karg-Elerts spätestromantische Klangwelt. Farbe und Expressivität prägten die Darbietung.

Große Pariser Orgelsinfonik rundete dieses sehr schöne Rezital ab. Konkret: drei signifikante Sätze aus der monumentalen, 1887 entstandenen Sinfonie Nr. 8 des Gattungserfinders Charles-Marie Widor. Dem, wie vom Komponisten gewünscht, resoluten Kopfsatz gab Bönig viel Plastizität. Und noch mehr im Finale klang die Orgel wie ein Orchester. Bemerkenswert bei der Auslegung dieser romantischen französischen Musik waren die eher barocken deutschen und vor allem messerscharfen Mixturen: Sie störten mitnichten. Widor als Melodiker ist im Fis-Dur-Adagio zu erleben. Bei jenem lyrischen Fest der Grundstimmen (Michaelsorgel!) wurde einem richtig warm ums Herz. Im Finale ließ Bönig die Puppen vollends tanzen. Kraft, Glanz und insbesondere eine Orgelästhetik, wie sie – bei aller Liebe – Deutschland in dieser Weise nicht hervorgebracht hat. Am Ende der Widor-Interpretation stand in voller Pracht ein H-Dur-Klang. Bönig bot eine souveräne Widor-Auslegung. Es schien, als ob sich Winfried Bönig im Freiburger Münster (fast) so daheim wie im Kölner Dom gefühlt hatte...

Autor: Johannes Adam