Klassik

Mit Mendelssohns "Elias" wurde die Christuskirche wiedereröffnet

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 21. November 2016 um 00:00 Uhr

Klassik

Reichlich "Mehr" will die wiedereröffnete Freiburger Christuskirche bieten: Mehr Licht, mehr Klang, mehr Raum. Zum Auftakt gab’s Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias".

"Mehr Licht. Mehr Klang. Mehr Raum." Beinahe schon überhöht wie einst bei Goethe wirkt das Leitmotiv, mit dem die Wiedereröffnung der Freiburger Christuskirche bis einschließlich ersten Adventssonntag überschrieben ist. Dabei signalisiert der Komparativ im Grunde nur eines: Dass die Renovierung der vor 125 Jahren erbauten Kirche in der Wiehre für alle einen Gewinn bedeutet – ob Gemeindemitglied oder Konzertbesucher. Und ja, man hat sie schmerzlich vermisst im religiösen und kulturellen Leben in den vergangenen Monaten; zumal der historistische Bau Ludwig Diemers auf dem charakteristischen kreuzförmigen Grundriss als Versammlungsstätte schon immer besondere Qualitäten hatte.

Der Raum wirkt licht – und größer

Die erste Begegnung mit der "neuen" Christuskirche deutet an, dass das angekündigte Mehr eingelöst wurde. Die Mischung aus reinem Weiß bei Gerippe und Emporen und einem warmen Cremeton zwischen Elfenbein und Champagner auf den Flächen lässt den Raum licht, und damit auch größer erscheinen. Und er ist es auch geworden, durch den Rückbau der Seitenemporen im Querschiff. Das von Harald Herrmann gestaltete abstrakte, neue Altarbild – ein Rundhorizont in zumeist horizontal verlaufenden Blautönen mit zwei markanten Lichtstreifen, einem horizontal verlaufenden schmaleren in der Mitte, und einem breiteren, vertikalen weiter links – signalisiert Hoffnung und Verheißung. Notabene: Übereinander gezogen ergäbe sich aus den Streifen ein Kreuz: Symbolik im Konjunktiv.

Ob die Wahl des kirchenmusikalischen Großwerks, mit dem der Reigen der festlichen Veranstaltungen zur Wiedereröffnung am Samstagabend begann, mit Herrmanns Bild korreliert? Am Ende von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" steht die Verheißung auf Christus, den Erlöser; sein danach geplantes "Christus"-Oratorium konnte der Komponist bekanntlich nur noch fragmentieren. Wie auch immer, Christuskirchen-Kantorin Hae-Kyung Jung hat feinsinnig ausgewählt. Ganz abgesehen davon, dass die Mixtur aus dramatischem Gestus und tröstlichem Ton in dieser späten Musik Mendelssohns für eine Eröffnung einen exzellenten Rahmen setzen.

Ein intimer "Elias"

Zur oft zitierten gigantischen "Elias"-Uraufführung beim Musikfest Birmingham anno 1846 mit allein 270 Sängerinnen und Sängern will die Aufführung zwar keinen Kontrapunkt setzen – mit rund 80 Mitwirkenden präsentiert sich aber der Chor der Christuskantorei in respektabler Größe. Dennoch hat die Interpretation oft einen wohltuend intimen Charakter. Forcieren ist ohnedies nicht nötig in diesem Raum – die Akustik der Christuskirche scheint mindestens von der gleichen lichten Transparenz bestimmt, derentwegen sie schon immer gerühmt wurde.

Insofern hat der Gesamtklang dann doch etwas Majestätisches, auch in dem mit sechs ersten und fünf zweiten Violinen sicher nicht überdimensioniert besetzten Orchester unter Gottfried von Goltz‘ Führung. Sieht man einmal davon ab, dass die erste der beiden Aufführungen den Schluss zulässt, dass ein, zwei Registerproben mehr insbesondere bei den Streichern nicht hätten schaden können, so ist der Eindruck ein überwiegend positiver. Beim historischen Bläserinstrumentarium überzeugen gerade das Blech, aber auch Klarinetten, Flöten und Fagotte. Und im Gesamtklang kommen Mendelssohns unvergleichlich schöner, melodischer Schmelz ebenso zur Geltung wie die dramatisch-klangmalerischen Passagen, die die Streicher mit bogentechnischen Nuancen "malen".

Hae-Kyung Jung verbindet in ihrer Interpretation die verschiedenen musikalischen Ebenen – von Bach- und Haydn-Reminiszenzen bis hin zum romantischen Klangideal der Zeit mustergültig. Und der Chor ist zentraler theologischer Protagonist. Die Kantorei trägt dem Anspruch an einen Konzertchor in hohem Maß Rechnung, mit guter Staffelung, homogenem Klang in den Einzelstimmen und großer Durchsichtigkeit; simultaner dürften mitunter die Absprachen bei Konsonanten sein.

Maßgeblichen Anteil am Gelingen schließlich haben die Solisten, deren Zusammenwirken exemplarisch im Quartett am Ende genannt sei. Geradezu schwerelos, obertonreich und überirdisch schön gleitet Meike Leluschkos Sopran über allem, solide agieren die Mittelstimmen Sibylle Kamphues und Florian Cramer. Manfred Bittner aber gebührt das Kompliment, der Titelpartie übergroße Plastizität zu verleihen. Sein Bassbariton hat Kraft, Geschmeidigkeit, Anmut und Sensibilität; ergreifend gestaltet er seine große Arie "Es ist genug". Was nun so gar kein Motto des Abends sein kann. Freiburg hat nämlich nicht zuletzt ein wunderbares Konzertkirchen-Juwel zurückbekommen. Danke.
Termin

Festwoche zur Wiedereröffnung der Christuskirche bis Sonntag, 27. November.