Paradies und Hölle

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Do, 07. September 2017

Klassik

Franz Danksagmüller an den Freiburger Münsterorgeln.

Solche Klänge hat man von den Freiburger Münsterorgeln kaum je gehört. Knapp 20 Minuten lang improvisierte Franz Danksagmüller zum Thema "Triptychon nach Hieronymus Bosch". Über die im Madrider Prado zu sehenden, um 1500 entstandenen Bilder des niederländischen Grenzgängers zwischen Paradies und Hölle. Was leise, geordnet, züchtig, fast wie ein Choral begann, entwickelte sich zum kompromisslosen Pandämonium ungeahnter Dimension. Und zwar schrittweise: Höhen, Drehbewegung der Marke Aktionismus, obertönige Aliquotverlautbarungen der dafür besonders geeigneten renovierten Marienorgel.

Und schließlich die Klimax: mit Trompeten & Co. entfesselte infernalische (Gewehr-?)Salven und Cluster der Art, dass einen, selbst im gotischen Ambiente des Gotteshauses, ein Gefühl der Beklemmung befiel. Schrecklich schön. Eben wie die Bosch-Bilder. Zwischen Lust und musikalischer Hölle. Filmisches, Drastisches. Der Ausklang war weich, versöhnlich. Ein so kühner wie kundiger Improvisator hatte das Potenzial des Freiburger Orgelquartetts in der gesamten Bandbreite und Vielfalt virtuos ausgereizt.

So unkonventionell wie die Stegreifdarbietung war im Grunde das ganze Münsterrezital dieses 1969 geborenen Österreichers, jenes einstigen Radulescu- und Daniel-Roth-Schülers, der seit 2005 an der Musikhochschule Lübeck lehrt. Johann Sebastian Bach stand am Ende des Programms – nicht am Beginn. Nach dem freizügigen Ausflug in die wuchernden Bosch-Welten wirkten dann Bachs Präludium und Fuge D-Dur, obwohl ebenfalls extrovertiert, nachgerade wie ein Reinigungsbad. Reflektiert und impulsiv zugleich unterstrich Danksagmüller die Freiheiten des Stylus phantasticus vom Hauptspieltisch aus. Ergo: Bach, sinfonisch – Pierre Cochereau lässt grüßen. Eine Interpretation mit (Fuge!) dynamischer Aufrüstung und viel Mixtur.

Diesem orgelspezifischen Silberklang war man zuvor bereits bei Felix Mendelssohn Bartholdys sechster Sonate begegnet. In dem Werk, das den Luther-Choral "Vater unser im Himmelreich" partitenähnlich variiert: das Lied hier nicht mehr wie früher liturgisch-funktional, sondern lediglich noch als Symbol des Religiösen. Apropos Mixtur: Im turbulenten Zentrum der Mendelssohn-Deutung hätte es von der barocken Schärfe etwas weniger sein dürfen. Denn: Die Romantik hat’s eher mit Grundstimmen und Pastelltönen.

Gewiss, auch die (Prinzipal!) kamen vor. Den choralfreien Dur-Abgesang des Moll-Werks, das in diesem Kontext eigentümliche Lied ohne Worte, gestaltete der Organist schlicht und ohne romantisches Sentiment. Dem genannten Luther-Choral hat der in Schwäbisch Hall geborene, frühbarocke und heute nur wenig bekannte Komponist Johann Ulrich Steigleder 1627 – man staune – 40 Variationen gewidmet. An der für diese Musik prädestinierten Schwalbennestorgel bot der Interpret stilgerecht und klar diverse Kostproben aus dem Kompendium. Wobei insbesondere Dulzian und Trompete, also die Zungenstimmen des Marcussen-Instruments, ihre Qualitäten bestens zeigen konnten. Keine Frage: Franz Danksagmüller ist ein Könner.