Schwierige Stimmung

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 09. Januar 2017

Klassik

Landesjugendbarockorchester im Freiburger Ensemblehaus.

Und immer wieder: stimmen, stimmen, stimmen. Einen Kammerton von 392 Hertz hat der künstlerische Leiter Gerd-Uwe Klein den jungen Musikerinnen und Musikern des Landesjugendbarockorchesters Baden-Württemberg (LJBO) verordnet – das ist im Verhältnis zum heute üblichen Kammerton a mit 440 bis 443 Hertz rund einen Ganzton tiefer. Dieser tiefe Stimmton, gepflegt am absolutistischen Königshof von Versailles, ist gewöhnungsbedürftig – für Ohren und Instrumente. Und so ist beim Abschlusskonzert der Schw zweiten Probenphase des in jeder Hinsicht jungen Klangkörpers im Freiburger Ensemblehaus eine homogene Stimmung der hartnäckigste Feind der Interpreten; gerade bei den Streichinstrumenten, deren Darmsaiten sehr empfindlich reagieren.

Nun geht es bei einem solchen Projekt wie dem LJBO nicht in erster Linie um Perfektion wie bei den Profis, sondern ums Vertrautwerden. Um das Aneignen einer künstlerischen Praxis, mit der Musikschüler und -studierende auch heute noch in der Ausbildung zu selten konfrontiert sind. Dazu gehört auch das Musizieren ohne Dirigent. Das gelingt dem Ensemble verblüffend gut, wenn man von ein zwei überstürzten Einsätzen absieht, wie beim Schlusssatz von Bachs 2. Brandenburgischem Konzert F-Dur, bei dem der Trompeter Pavel Janecek den Impuls zum Einsatz missen lässt.

Der Mensch wächst an seinen Aufgaben

Der Trossinger Musikstudent studiert seit 2013 erst historische Trompete und zeigt große Begabung für das schwierige, ventillose Instrument. Gleiches gilt für den Oboisten Antoine Cottinet mit der ungewohnten 392-Hertz-Oboe. Die Tempi in den Ecksätzen sind überambitioniert, aber gerade hier zeigt sich: Der Mensch wächst an seinen Aufgaben, und die jungen Streicher überzeugen gerade mit Blick auf Bogentechnik und Phrasierung und dynamische Staffelung mit großer Homogenität.

Das wird schon in Rameaus Tanzsuite zu Beginn des Programms deutlich. Die Sechzehntel-Bewegungen im ersten der "Deux Tambourins", die sehr an die erste Phrase des Rondos aus Mozarts Haffner-Serenade erinnern, gefallen, wie so vieles andere, in ihrem überzeugend zum Ausdruck gebrachten virtuosen Duktus. In Bachs 4. Brandenburgischem Konzert G-Dur reüssieren Johanna Sophia Boehm und Thomas Dombrowski mit gut aufeinander abgestimmtem Blockflötenspiel; Julika Lorenz meistert die Zweiunddreißigstel-Girlanden mit sicherer Griff- und Bogentechnik. Der Stimmungsprobleme wird auch die Hannoveraner Violinstudentin nicht immer ganz Herr(in).

Wie viel Spaß am Musikantischen das LJBO hat, merkt man besonders in Telemanns Ouvertüre g-Moll, in denen der jeweilige Volkston und -charakter gut getroffen werden. Das lädt ein zu stürmischem Beifall, den nicht wenige aus dem Foyer spendeten: Das Interesse an dem Konzert war so groß, dass der große Saal des Ensemblehauses eindeutig zu klein war. Ein gutes Zeichen.