Vom Wert der Achtsamkeit

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Mo, 15. Oktober 2018

Klassik

Herbstkonzert des John Sheppard Ensembles.

"Leben, Herbst, Lied" – das Herbstkonzert des John Sheppard Ensembles widmete sich Liedern, die im Bewusstsein der Endlichkeit des eigenen Seins komponiert wurden. Über Max Regers Lied "Der Mensch lebt und bestehet" wird berichtet, es sei das letzte Werk gewesen, das Reger überarbeitet habe. Ruhig, in melancholisch dunkler Grundstimmung, die die klaren Stimmen der Sängerinnen und Sänger dennoch hell wirken ließ, überzeugte das Ensemble a cappella die (leider nicht allzu zahlreichen) Besucher. Die für das Ensemble charakteristische Ausgewogenheit im Klang, die beweglichen, fein balancierten dynamischen Wechsel und die klingende Fokussierung auf den textlichen Gehalt gelangen gut.

Die harmonisch reichen Lieder von Reger interpretierte das Ensemble spannungsvoll. Ruhig und konzentriert führte Bernhard Schmidt den Chor und formte intensive Klänge. Bedrückend dicht bei "Letztes Glück" von Johannes Brahms (aus op. 104), einfühlsam bei "Ich bin der Welt abhanden gekommen" von Gustav Mahler in einem Arrangement für 16-stimmigen Chor von Clytus Gottwald. Über einer feinen, "geerdeten" (wie es im Programmheft passend beschrieben ist) Begleitung führten die Sängerinnen und Sänger schwerelos und frei die Melodien durch alle Stimmen. Die klingende Annäherung von Irdischem und Himmlischem wirkte plausibel.

Das Alterswerk des englischen Komponisten Charles H. H. Parry, "Songs of Farewell", komponiert unter dem Eindruck der Zerstörung von menschlichem Sein während des Ersten Weltkrieges, wirkte vordergründig unerwartet sanft. Im nach Innen gewandten, nachdenklich dem Himmlischen entgegen Sehnenden entwickelte das John Sheppard Ensemble eine große Kraft. Die flexible Klangdichte, deren Expression immer nah am Text war, war stimmig.

Besonders schön: die Achtsamkeit, die Schmidt seinen Sängern entgegenbrachte, dynamische Abläufe entwickelte er immer im Einklang mit den Stimmen. Im Piano schienen die Klänge frei im Raum zu schweben, im Forte nutzte er das vorhandene Potential um voluminöse Klänge zu entwickeln, ohne dabei je die Stimmen zu überfordern.