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30. Juni 2012

Zwischen Mittelalter und Rap

Rainer Pachner zu seinem szenischen Oratorium "Ludus Danielis", das im Freiburger Partnerschaftskonzert uraufgeführt wird.

  1. Rainer Pachner Foto: Thomas Kunz

"Seid umschlungen, Millionen!" – dieses Diktum aus dem Finale von Beethovens neunter Sinfonie könnte einem da doch glatt in den Sinn kommen. Angekündigt ist das Unternehmen jedenfalls als "multinationales Konzertprojekt". Und zwar ganz gewiss mit einigem Recht. Neben Freiburg sind nämlich Ensembles aus den Partnerstädten beteiligt: aus Padua, Granada, Isfahan und Tel Aviv. Rund 280 Mitwirkende werden bei dem Gesamtkunstwerk am 8. Juli die Bühne des Freiburger Konzerthauses bevölkern. Eine Wiederholung gibt es zwei Tage später in Padua. Rainer Pachner, langjähriger Musiklehrer am Freiburger Berthold-Gymnasium und zudem als Sänger und Chorleiter eine so bekannte wie geschätzte Persönlichkeit des hiesigen Musiklebens, leitet die Uraufführung seiner neu komponierten Version des "Ludus Danielis". Jenes mittelalterliche Mysterienspiels, dessen Anfänge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen.

Der Stoff beschäftige ihn "seit vielen Jahren", sagt Pachner im BZ-Gespräch. Die Erstfassung ("eine große Sache") war bereits im Jahr 2000 aufgeführt worden, als man in Freiburg 750 Jahre Lateinschule feierte – und das Berthold-Gymnasium hat ja ein altsprachliches Profil. Was jetzt erklingt, ist gleichsam die Fortschreibung. "Der äußere Anlass war der ständig schwelende Konflikt zwischen Israel und dem Iran", erklärt Pachner. Dazu passe der "Ludus Danielis", da er "einen religionsübergreifenden Gedanken" habe. Der inhaltliche Ablauf folgt der Vorlage: Szenen aus dem Leben des Propheten Daniel. Der uralten Geschichte steht eine neue Sprache gegenüber. Die ist gleichwohl Latein, und das sei "unheimlich ausdrucksstark". Musikalisch geht es außerordentlich bunt zu. Ja, sogar von Polystilistik oder Patchwork ließe sich reden. Die Bandbreite ist enorm, sie reicht von der mittelalterlichen Einstimmigkeit bis hin zum Rap. Also: ganz alt plus ganz neu. Die musikhistorischen Epochen Klassik und Romantik bleiben bewusst ausgespart – so wird man denn beim instrumentalen Aufgebot etwa keine Klarinette finden.

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Mit zwei Jahren Vorplanung

Gerade die Beschäftigung mit der Gregorianik sei für ihn "eine schöpferische Arbeit" gewesen, bekennt Pachner. In seiner Musik zum "Ludus Danielis" gibt es Quint- und Quartklänge, aber – mit Ausnahme des Finalklangs – keine Terzen oder Sexten. Und dann dieser fürwahr kühne Sprung ins Heute: Rockiges, Jazz, Cluster, Minimalistisches. Abwechslung ist Trumpf. Doch: "Der Vorwurf einer Stilvielfalt kann kommen", räumt Pachner prophylaktisch ein. Wie dem auch sei: Man wird sehen – und vor allem hören. Pachners "Ludus Danielis" mit einer Aufführungsdauer von anderthalb Stunden ist ein szenisches Oratorium. Warum? Die Antwort ist denkbar einfach: "weil wir viel mit Szene arbeiten". So sei der Chor (neben den Abordnungen aus den Partnerstädten der Große Chor des Berthold-Gymnasiums und circa die Hälfte des Freiburger Kammerchors) "größtenteils in die Szene integriert". Der Chor kommentiert (eben wie in der griechischen Antike), und er spricht auch. Regie führt Ingeborg Waldherr.

Das Orchester ist üppig besetzt. Daniel, der Protagonist, wird immer mit einem Tenorsaxophon kombiniert. Der Tenor Bernhard Gärtner, der Leiter des Freiburger Oratorienchors, wird ihn singen. Sehr angetan ist Pachner von den stimmlichen Qualitäten der israelischen Sopranistin Merav Barnea, die jetzt den Part der Königin gestalten wird.

Zwei Jahre Planung des Projekts liegen hinter Pachner. Er war in Tel Aviv und in Padua, um dort vor Ort mit den Chören zu arbeiten. Und er besuchte Isfahan. Stichwort: Naher Osten. Am meisten hat Pachner da im Vorfeld die Frage bewegt, wie Menschen aus Israel und Isfahan wohl aufeinander reagieren würden, wenn sie beim "Ludus" zusammenkommen. Gesprächsweise hat er vorgefühlt. Verblüffendes Ergebnis: "Das war überhaupt kein Problem."

Noch nicht völlig geklärt ist allerdings die Finanzierung des Projekts, dessen Kosten sich auf rund 75 000 Euro belaufen. Der Wille ist da. Und sehr viel Engagement, um dieses Oratorium für Solisten, Sprecher, Tänzer, Oberstimmenchor, großen Chor und Orchester zu realisieren. Der "Ludus Danielis" soll Menschen unterschiedlicher Nationen, Religionen und Altersgruppen zusammenführen – der Begriff "Völkerverständigung" (wohlweislich nicht die Sache) ist inzwischen ja leicht angestaubt. Musik kann Menschen verbinden. Wie schön.                   – Freiburg, "Ludus Danielis", Konzerthaus, Sonntag, 8. Juli, 20 Uhr (Einführung um 19 Uhr im Runden Saal). Info: BZ-Kartenservice 0761/4968888 .

Autor: Johannes Adam