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15. Oktober 2012

Bach oder: Alles im Fluss

Freiburg: Das John-Sheppard-Ensemble mit der h-Moll-Messe.

Sommer 1976. Im Straßburger Münster dirigiert Karl Richter Bachs h-Moll-Messe. Kaum steht der große Münchner Bach-Interpret vor seinen Akteuren, legt er bereits los. In der Freiburger Christuskirche ließ es Johannes Tolle jetzt bei der Aufführung dieses Spitzenwerks der abendländischen Musikgeschichte gemächlicher angehen (hier besprochen ist der erste von zwei Abenden). Bald zeigte sich erneut: Auch die Freiburger können Bach. Am auffälligsten war durchweg, wie respektvoll Tolle und sein John-Sheppard-Ensemble die Bach’sche Polyphonie souverän fließen ließen. Vielleicht hätte der Pultmann primär am Anfang, etwa gerade über die weite Distanz der "Kyrie"-Fuge, noch ein Quäntchen mehr für Expressivität und Spannung sorgen dürfen. Doch das ist beinah Geschmackssache.

Bach, man weiß es, versinnlichte das katholische Messordinarium ungemein tiefschürfend – sogar das Attribut "catholicam" vertonte der Lutheraner (der Romantiker Schubert wird diesen Glaubensartikel später nonchalant ignorieren). Tolle und die Sheppards orientierten sich intensiv am Text. Die besten Beispiele gab es im "Credo". Da wirkte das chorische "Et incarnatus est" zart, intim, ja mystisch. Das "Crucifixus" mit seinem Lamento-Bass gab sich leise und ohne drastischen Realismus. Und die Worte "et sepultus est" kamen derart verhalten daher, als werde da nicht nur von der Grablegung des Gottessohnes gesprochen, sondern auch von der der Musik, die ihr Leben ausgehaucht hat. So hat man das kaum je gehört. Weshalb dieses Extrem? Um den auf dem Fuße folgenden Osterjubel sich opulenter entfalten zu lassen.

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Mit dem von ihm gegründeten Sheppard-Ensemble, dessen Leitung er nach 15 Jahren abgibt, hatte Tolle Sänger und Instrumentalisten zur Seite, die sich vor Bachs Klangmonument nicht zu fürchten brauchten. In Aktion waren ein ausgewogen besetzter, leistungsstarker Chor und ein (von Lisa Immer angeführtes) überzeugendes Orchester mit fitten Solisten (Violine, Flöte, Trompete). Anleihen bei den Erkenntnissen der historisch informierten Aufführungspraxis prägten das Konzept mit. Auch gute Vokalsolisten waren vor Ort. Sehr attraktiv gerieten die Resultate, wenn Lydia Teuscher (Sopran) und Ruth Sandhoff (Mezzosopran) als Duo auftraten. Mehr noch: Ruth Sandhoffs Solo im "Agnus Dei" wurde ein emotionales Zentrum des gesamten Unternehmens. Tenorale Solidität bot Hans Jörg Mammel. Der Bariton Tobias Berndt übte zunächst Druck auf seine Stimme aus; später legte sich das. Eine sehr verbindliche, klare Auslegung der h-Moll-Messe zwischen Verinnerlichung (feinste Kammermusik!) und Festlichkeit, polyphoner Dichte und kompaktem Vertikalklang. Ein würdiger Abschied für den scheidenden Sheppard-Chef.

Autor: Johannes Adam