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11. September 2014

Brunnen der Vergangenheit

Jürgen Essl spielte an den Freiburger Münsterorgeln.

Noch authentischer geht’s nicht: Der Komponist selber interpretierte sein Werk. Nach der Freiburger Erstaufführung von "Zeit und Leben" kann Jürgen Essl eines bescheinigt werden: Diese Orgelmusik ist (zum Glück!) kein zweiter Messiaen-Aufguss. Der Stuttgarter Professor des Jahrgangs 1961 kreierte eine Tonsprache, die ohne den Pariser Übervater auskommt. Das vom Dom zu Speyer, wo 2011 die Uraufführung stattfand, angeregte Werk spielt mit dem Parameter Klangfarbe und ist von der Tonalität keine Lichtjahre entfernt. Mit ein bisschen Fantasie lassen sich hinter den vier Teilen die Satztypen der klassischen Sonate entdecken: das bewegte Scherzo an zweiter Stelle, nachfolgend der Ruhepunkt. Neue, hörerfreundliche Orgelklänge ohne den Anspruch, Avantgarde sein zu wollen.

Sehr genau kennt Essl sein Instrument und dessen Möglichkeiten – auch in den Momenten, in denen Präexistentes ertönt: wenn er, wie der erste Satz poetisch überschrieben ist, aus dem "Brunnen der Vergangenheit" schöpft. Auch Liturgisches, Lied und – im finalen "Ballet" – Tanz: Derlei wird, ohne aufgesetzt zu wirken, einbezogen. Die Linie emanzipiert sich. Am Hauptspieltisch der Münsterorgeln machte der Komponist höchstpersönlich für sein Opus beste Reklame.

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Das Programm war an diesem Abend eines für Kenner und Liebhaber. Eine Kollektion, die gleich zwei Vermächtnisse aus der Pariser Kirche Ste-Clotilde aufwies – von komponierenden Organisten, die dort lange tätig waren. So den E-Dur-Choral aus César Francks Todesjahr 1890.

Wo die schöne Trompete blies

Von einer minimalen Registrier-Irritation abgesehen, spielte Essl diesen untextierten Beitrag der Orgel-Weltliteratur sehr plastisch und ausdrucksstark. Man denke etwa an den satten Grundstimmensound der Prinzipale zu Beginn. Oder an den vom Komponisten gewünschten Auftritt der ätherischen Voix humaine im Umfeld des tiefsten Basskellers. Auch Francks Liebe zum Polyphonen trat zutage.

Der Vierne-Jahrgangsgenosse Charles Tournemire war ein ziemlich eigener Kopf, woraus letztlich die geringe Bekanntheit seiner Musik resultiert. Das Opus "Fresque symphonique sacrée" von 1939 steht am Ende seines Schaffens. Essls Wiedergabe zeigte die Charakteristika der Rarität bündig auf: das Sinfonische, Meditative, die Adaption pfingstlichen Choralguts, auch die enge Verwandtschaft mit der Kunst der Improvisation.

Als ein Vermächtnis des choralgebundenen Kontrapunkts sind die drei großen "Kyrie"-Bearbeitungen aus dem sogenannten Dritten Teil der Clavierübung Bachs zu werten – entstanden rund 200 Jahre vor dem Tournemire-Stück. Essl bot sie sehr solide am prädestinierten Münsterinstrument für Bachs Musik: an der barocken Schwalbennestorgel. Kontrapunktische Dichte und die exponierte Liedmelodie gingen da in eins. Apropos Liedmelodie: Für die Sopranlage wählte der Gast eine näselnde Aliquot-Registrierung, für die Tenorversion eine Zungenstimme. Voluminös und respektheischend füllte die fünfstimmige Organo-pleno-Fassung mit dem Choral im Bass den Raum. Unter Spannung gesetzt hatte Essl eingangs die klavieristischen Variationen der Chaconne Georg Böhms, jenes Lüneburgers, bei dem ja auch Bach gelernt hatte. Festlich wurde es jetzt vor allem, wo die schöne Trompete blies.

Autor: Johannes Adam