Die Wonnen der Ewigkeit

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Di, 22. April 2014

Klassik

Freiburg: Die Camerata Vocale mit dem Duruflé-Requiem.

Es ist eine eigene Klangwelt. Beispiel: Die Männerstimmen singen den Gregorianischen Choral "Requiem aeternam" (Ewige Ruhe), der Frauenchor antwortet ätherisch mit der Vokalise "a". Wer das für Kitsch hält, hat von der wohligen, tröstenden Requiem-Botschaft Maurice Duruflés wenig begriffen. Am Karfreitag bot die Camerata Vocale Freiburg das 1947 vollendete Meisterwerk des Franzosen in der Christuskirche (eine Aufführung hatte zuvor in Basel stattgefunden). In einem Konzert, das mit Worten des 130. Psalms überschrieben war: "Aus der Tiefen". Bachs Kantate aus seiner Amtszeit in Mühlhausen leitete den Abend ein. "Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir": Bei Bach und Duruflé akzentuierte der theologieaffine Dirigent Winfried Toll den Aspekt des Gottvertrauens. Kein Schrei der Verzweiflung, kein Sturz ins Bodenlose. Mehr die göttliche Gnade war das Thema. Auffallend, wie Toll bei den vokalen Soloaufgaben der historisch informiert vorgetragenen Kantate die Choralstrophen verhalten wie eine Kulisse im Hintergrund beließ. Florian Cramer konnte mit feiner Tenorlyrik punkten und Benoît Arnould seinen kernigen Bariton einbringen. Bei diesem Werk, wo Bach noch nicht restlos er selber ist und manchmal ("Ich harre des Herrn") wie Heinrich Schütz klingt.

Die Ausführenden ließen sich auf den frühen Bach ein – so in Sachen Tempospiele, etwa bei adagio und vivace zu Beginn. Auch der Chor und das Kammerorchester Basel unterstrichen – man denke an die noblen Oboenzutaten – ihre Klasse. Gute Voraussetzungen für Duruflé, für den Sebastian Küchler-Blessing vom Continuo-Positiv im Orchester an die Rieger-Orgel auf der Empore wechselte.

Wunderbare Trompeten

Man hatte die späteste Fassung gewählt: die Kammerversion von 1961. Für den Trompetenpart mit den wunderbaren Farben standen drei hervorragende Instrumentalisten zur Verfügung. Sehr gewinnend wird von Duruflé, der ein Orgelvirtuose war, immer wieder sein ureigenes Instrument eingesetzt: mal mehr solistisch, mal eher als zusätzliche Orchesterfarbe. Der exzellente Küchler-Blessing weiß, wie man sich behelfen kann, wenn ein extrem tiefer 32-Fuß-Pedalsubbass zur Stelle sein sollte, ein solches Register vor Ort aber nicht vorhanden ist...

Duruflés Totenmesse hat kein infernalisches "Dies irae". Braucht sie auch nicht. Wie sich beim "Rachen des Löwen" jetzt die Dramatik steigerte: Das genügt. Zumal Tolls Intention eine völlig andere ist. Die klangsinnlich dargebotene exemplarische Interpretation malt bis zum offenen Septakkord-Finale die Wonnen der Ewigkeit. Mit einem Chor, der nicht nur die Kyrie-Fuge ins beste Licht rückte. Mit einem so fähigen wie engagierten Orchester (Streicher!). Mit einer Mezzosopranistin (Ruth Sandhoff), die sich beim "Pie Jesu", jener As-Dur-Meditation, als Idealbesetzung erwies.

Ihre Domäne, die A-cappella-Kunst, konnte die Camerata mit den Bußzeit-Motetten Francis Poulencs pflegen. Von der Nachromantik bis zum leeren Klang und dem Eigengut des Komponisten war alles ausgefeilt. Beim Wort "timor" erfuhr man, wie erschreckend hart der einleitende Dental wirken kann. Kein Wunder, wo es um Furcht geht.