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02. Januar 2013

Ein Fest der Stimmen

Freiburger Barockorchester: Silvester mit Händel.

Silvester ist oft beides – Feuerwerk und Besinnung, Spektakel und Stille. Auch Georg Friedrich Händels frühes Oratorium "Il trionfo del tempo e del disinganno" (1707) enthält sowohl staunenswerte Koloraturen als auch Momente der Einkehr. Die allegorischen Figuren Disinganno (Erkenntnis) und Tempo (Zeit) führen die eitle Bellezza (Schönheit) zur Demut und Einsicht in ihre Vergänglichkeit. Piacere (Vergnügen) hat das Nachsehen. Mit einem atemberaubenden, mit stehenden Ovationen gefeierten Silvesterkonzert unter der Leitung von René Jacobs verabschiedete sich das Freiburger Barockorchester von einem Jahr, das mit der Eröffnung des Ensemblehauses Freiburg und der Feier des 25-jährigen Bestehens gleich zwei Glanzpunkte in der Orchestergeschichte setzte.

Und ein orchestrales Ereignis auch

"L’altro sorge dal tempo caduto" – "das Jahr ersteht aus der vergangenen Zeit" – singt der Tenor Jeremy Ovenden klangschön in der Rolle der mahnenden "Zeit", bevor die "Schönheit" (Sunhae Im) von dem "Vergnügen" (Julia Lezhneva) in seinen Palast geführt wird. Hier sorgt ein veritables Orgelkonzert (Orgel: Sebastian Wienand) für weltlichen Glanz. Und das Orchester glitzert und funkelt in den Oboen (Katharina Arfken, Thomas Meraner) und der Solovioline (Anne Katharina Schreiber). Die größte Verführerin ist Julia Lezhneva selbst . Von Beginn an schlägt die Vokalkunst der erst 22-jährigen russischen Sopranistin das Publikum in ihren Bann, wenn sie bei ihrer Arie "Fosco genio, e nero duolo" (Ein finsterer Geist, ein düsterer Schmerz) die ersten perfekt modellierten Koloraturen ins Freiburger Konzerthaus schickt. Ein feineres Legato als in der Arie "Lascia la spina" (Lass die Dornen) ist nicht vorstellbar. Die Verzierungen im Da-Capo-Teil gestaltet Lezhneva so stilsicher wie formvollendet. Und wenn sie bei "Come nembo che fugge col vento" (Wie die Wolke vor dem Wind flieht) ein leuchtendes Koloraturenfeuerwerk zündet, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

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Sunhae Im lässt sich als "Schönheit" von soviel Prunk nicht beeindrucken. Und entscheidet sich am Ende in der berührend gesungenen Arie "Tu del Ciel ministro eletto" (Du, erhabene Dienerin des Himmels) für Schlichtheit und Reflexion. Die Südkoreanerin zeichnet an diesem Abend mit ihrem knabenhaften, nur gelegentlich etwas spitzen Sopran eindrucksvoll den Weg in die Innerlichkeit. Der ganz fokussierte, zarte Altus von Christophe Dumaux als "Erkenntnis" hilft ihr dabei. Der Abend ist aber nicht nur ein Fest der Stimmen, sondern auch ein orchestrales Ereignis. Die Streicher dramatisieren unter der mitreißenden Führung von Konzertmeisterin Anne Katharina Schreiber das Geschehen mit wuchtigen Akzenten und viel Bogenhaftung.

Insbesondere die Bassgruppe (Continuocello: Guido Larisch) schlägt Funken, die immer wieder neue Energie zuführen. Dirigent René Jacobs vereint Orchester und Solisten zu einem Gesamtkunstwerk. Und bringt das packende Oratorium erst auf dem überlangen Orgelschlussakkord zum Stehen, ehe im ausverkauften Freiburger Konzerthaus ein Beifallssturm losbricht.

Autor: Georg Rudiger