Eine Explosion der Emphase

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Mo, 17. Februar 2014

Klassik

Das Signum Quartett spielte im Burghof in Lörrach.

Freitagabend im Burghof: Haydns d-Moll Streichquartett (op.76/2) wird angespielt, und schon nach wenigen Takten deutet sich an, was den Abend über zum großartigen Hörerlebnis wird, denn die vier auf dem Podium: die Geigerinnen Kerstin Dill und Annette Walther, der Bratscher Xandi van Dijk und der Cellist Thomas Schmitz haben den 67-jährigen Komponisten beim Wort genommen, der sich erstaunt zeigte, dass man ihm "viele Komplimente, aber auch über das Feuer meiner letzten Arbeiten" machte. Und dieses Feuer lassen die vier immer erneut hell auflodern, indem sie unter Führung der exzellenten Primaria mit entschlossen-markanter Tonbildung Fortissimi spielen, in denen die Emphase regelrecht explodiert. Haydn so gespielt zu hören, ist ungewohnt, doch es ist so erfrischend wie belebend, weil die vier spieltechnisch alles können und dazu gehört ihre Fähigkeit, sofort wieder in intime und in sich ruhende Piani zurückzukehren. Wären sie nicht so fantastische Musiker, würden diese Ausbrüche irgendwann nerven – und in Dvoráks G-Dur Quartett taten sie das zuweilen im "Molto vivace"- doch offenkundig kennen sie die Grenze, die sie bei Haydn und Dvorák nicht oder nur gelegentlich überschreiten dürfen.

Das wurde in Alfred Schnittkes (1934-1999) 3. Streichquartett, 1983 komponiert, ganz anders. Jetzt überschritten sie die Grenze, wagten sich ins musikalische Niemandsland und trafen dabei exakt den Nerv dieser Musik. An Schnittke scheiden sich die Geister, und im Spiel des Signum Quartetts wurde hörbar, warum sie das tun. Die einen bewundern seine "stilistischen Modulationen", das heißt das Ineinanderfließen der verschiedenen collagierten Stilebenen, hier im 3. Streichquartett also die Kadenz aus di Lassos "Stabat mater", das Hauptthema aus Beethovens "Große Fuge" und das Monogramm Dmitrij Schostakowitschs d-es-c-h. Wie Schnittke diese heterogenen Aussagen etwa im "Agitato" vermischt, das ist in der Tat unerhört. Das ist das eine, das andere sind die guten Gründe seiner Kritiker, die finden, dass in dieser Musik der Komponist der Filmmusiken wieder durchbreche, der genau weiß, was zu tun ist, um spektakuläre Klangeffekte zu erreichen. Dass die ihre Wirkung tun, ist unbestritten, doch bleibt zu bedenken, dass Quartettmusik einst als Krone des Komponierens galt.

Schnittkes 3. Streichquartett wird zum Grenzfall zwischen ästhetischer Seriosität und plakativer Extrovertiertheit, und sie hörend muss jeder Musikfreund selbst entscheiden, wie er sie verstehen will. Wie dem auch sei, gespielt hat Signum sie mit allen Raffinessen emphatischer Ex- und Implosionen. So bald werden wir im Burghof nicht wieder derart aggressive Pizzicati hören wie am Freitag. Das war Quartettspiel auf höchstem Niveau. Und das hörten wir nach der Pause auch in Dvoráks op. 106. Restlos umschalten konnten die vier nicht; sie lieben es nun mal, sich emphatisch zu exponieren und dabei ein Molto vivace oder Allegro con fuoco mit Vehemenz anzupacken. Doch es gab auch die ruhige verinnerlichte Leidenschaft im Adagio und zu Beginn des Finale. Langer Schlussbeifall und ein Adagio Mozarts (aus KV 171), komponiert während seines Wiener Aufenthalts im August/September 1773. Ruhiger Gutenachtwunsch nach einem turbulenten Konzert.