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14. Juli 2009

Hin- und hergerissen zwischen Auge und Ohr

Das korsische Sängerensemble A Filetta und der Tänzer Sidi Larbi Cherkaoui gastierten bei "Stimmen" im Lörracher Burghof

Sidi Larbi Cherkaoui hat vor nichts Respekt und am wenigsten, wie es scheint, vor der Kunst. Für seine eigene gilt das sympathischerweise im selben Maße wie für die der anderen. Dass der neue Star der internationalen Tanzszene im Geburtsjahr des korsischen Sängerensembles "A Filetta" 1978 erst zwei Jahre alt war, hält ihn nicht davon ab, auch einmal mitten im Tanz innezuhalten und zusammen mit seinen beiden Bühnenkollegen die Gesänge der Älteren zu probieren. Die sieben Korsen hören aus dem Bühnenhintergrund mit anerkennender Gelassenheit zu, kassieren im Anschluss an das erste ihrer drei diesjährigen "Stimmen"-Konzerte aber nicht nur dafür stehende Ovationen.

Alle Register waren da fast durchgehend gezogen, angefangen bei dem im Burghof ungewohnt opulenten Bühnenbild. Die Himmelstreppe strebt gleich neben den Stall von Bethlehem nach oben, wo aber noch vor dem Kind das Wort Gottes das Licht der Welt erblickt. Das Stroh ersetzen Berge von Büchern. Säuberlich gestapelt säumen sie nebenan auch den Weg in himmlische Höhen. Während zwischen Himmelstreppe und Heuboden im Stall wechselnd die sphärischen "A Filetta"-Gesänge erklingen, wechseln unten die Bücher von Hand zu Hand. Die drei Tänzer lassen sich anziehen von den Schriften, sie werden aber auch von ihnen verfolgt, bewerfen sich mit Büchern oder geißeln sich selbst damit.

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Angenähert an die vielarmigen Gottheiten Indiens verschmelzen die Tanzenden bald in meisterlicher Parodie zu einem offensichtlich religionsverwirrten Wesen zwischen allen Wahrheiten. Das Alte wie das Neue Testament und der Koran werden da unablässig weitergereicht. Der Überblick verliert sich leicht. Drei Köpfe neigen sich abwechselnd mal in dieses, dann in jenes Schriftwerk, bis schließlich einer dem anderen anstelle des sprichwörtlichen Bretts ein Buch vor den Kopf schlägt. Erhellung sieht anders aus. Auch die aus den Texten erwachsene Gliederpuppe kann sie nicht bringen. Stattdessen überträgt die ihr Marionettenwesen wie eine ansteckende Krankheit auf die Tänzer und borgt sich dämonisch deren Willen. Die Sänger stimmen inzwischen – die Szenen aus der Distanz beobachtend – mal lateinische, mal englische, mal ins Korsische übertragene, teils liturgische Texte an, übernehmen so den Part des Göttlichen und bleiben auf ihre Weise überirdisch und unangreifbar.

"Apocrifu", das Werk, das Bezüge zu den beiseite gelassenen, stellenweise sogar verbotenen sogenannten apokryphen Schriften zur Bibel herstellt, ist schon die zweite Koproduktion der Korsen mit dem experimentierfreudigen Choreographen. Er war es, der den "A Filetta"-Chef Jean-Claude Acquaviva einst um eine Zusammenarbeit nachgesucht hatte. Cherkaoui, Sohn eines Moslems und einer Christin, hat sich die beständigen Wechsel zwischen mehreren Welten zum Markenzeichen gemacht. In seine vielfach und eben erst wieder mit dem hochdotierten Kairos-Preis geehrte Bühnenarbeit bezieht er klassische Tanzfiguren ein, aber Sprechtheater und Gesangspassagen. Mit den sphärischen Klängen der Korsen jetzt ebenso zu zeichnen, wie er es sonst gern mit den Körpern seiner Tänzer macht, wäre indes zu einfach gewesen. Die Sänger agieren ihrerseits selbstständig und geben eine erhabene musikalische Klammer. Wäre die Cherkaoui-Choreographie eine Gliederpuppe, dann hielten die "A Filetta"-Gesänge sie zusammen. In bewundernswerter Weise glückt ihnen der Spagat auch bei den auseinanderstrebenden Kulturen. Fotos und Texte zum Stimmenfestival:www.badische-zeitung.de/stimmen

Autor: Annette Mahro