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19. September 2014

Oper "Hoffmanns Erzählungen" im Theater Basel

Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" hatte am Theater Basel Premiere.

  1. Flott unterwegs mit Pulle: Hoffmann (Rolf Romei) und die Muse (Solenn’ Lavanant-Linke) Foto: Tanja Dorendorf

Die schwarzen Schuhe fallen von der Decke. Das offene Hemd hängt dem Mann über der Smokinghose. Eine lange Strähne hat sich aus den zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren gelöst. Schon zu Beginn ist dieser Hoffmann (Rolf Romei) in Jacques Offenbachs fünfaktiger Opéra fantastique "Les contes d’Hoffmann" ("Hoffmanns Erzählungen") am Theater Basel derangiert und aus der Bahn geworfen. Er ist verloren zwischen Müllcontainern und Graffitimauern. Der Glanz, von dem die Lackschuhe noch erzählen, ist verblasst. Die Welt, in der sich dieser E. T. A. Hoffmann bewegt, ist ein Unort.

Auf der Großen Bühne des Basler Theaters gibt es keine gemütliche Weinstube wie im Libretto und keinen festlichen venezianischen Palazzo. Die lustigen Studenten tragen Militäranzüge und Kampfstiefel (Kostüme: Lydia Kirchleitner). Der Pressetext spricht von einem "emotionalen und innenweltlichen Roadtrip", von einer "Stationenreise durch eine desillusionierende Wirklichkeit". Dafür haben Silvia Merlo und Ulf Stengl kalte, dunkle Räume gebaut, die der Schriftsteller auf seiner Reise in die Fantasie durchschreitet. Seine Liebe zu Olympia, die in Wirklichkeit ein seelenloser Gesangsautomat ist, entsteht im Neonlicht. Die Leidenschaft zur todgeweihten Sängerin Antonia im dritten Akt wirkt zwischen leeren Bierflaschen an einer nächtlichen Imbissbude deplatziert.

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Den opulenten Giulietta-Akt mit dem Bacchanal zu Beginn lässt Goerden an einer Tankstelle spielen, die von Hoffmann beinahe abgefackelt wird. Es sind Geschichten des Scheiterns. Ganz am Ende wartet die alt gewordene Gesellschaft in Rentnermützen und beigefarbenen Jacken darauf, dass irgendetwas besser wird. Es ist ein Warten auf Godot. An die Hoffnung, von der die Muse in der Apotheose erzählt, glaubt in diesem trostlosen, Beckett’schen Setting niemand.

Goerdens Blick auf "Hoffmanns Erzählungen" ist assoziativ, düster und beklemmend. Er fügt die unvollendete Oper, von der verschiedene Fassungen existieren und in Basel ein Mix aus allem gespielt wird, nicht zu einem Ganzen zusammen, sondern genießt die Bruchstellen. Dirigent Enrico Delamboye ist ihm hier ein echter Partner. Den erhitzten Studentenchor am Ende, zu dem Hoffmann und sein Widersacher Lindorf wild tanzen, lässt er in einer langen, verstörenden Pause münden. Die Kontraste zwischen enthemmt und gehemmt, charmant und roh werden auch musikalisch geschärft.

Die Muse in Dessous

Von wenigen, dafür erheblichen Koordinationsproblemen zwischen Celli und Fagotti abgesehen, ist im Orchestergraben Präzision am Werk. Es entstehen dichte Momente zwischen Musik und Szene, wenn etwa Hoffmann die zerbrochene Geige von Antonias Vater Crespel (Andrew Murphy) in der Hand hält und dazu ein betörendes Violinsolo aus dem Graben erklingt. Dennoch hinterlässt diese Produktion, mit der das Theater Basel in die letzte Spielzeit von Intendant Georges Delnon startet, keinen ungetrübten Eindruck, weil aus den Reibungen nicht immer Energie erzeugt wird und manches Erdachte szenisch unzureichend ausgeführt ist – etwa Goerdens Intention, Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, der in den einzelnen Akten in jeweils unterschiedlicher Gestalt auftaucht, als dessen Alter Ego zu interpretieren. Simon Bailey gibt die Bösewichte Lindorf, den fiesen Optiker Coppelius, den todbringenden Arzt Mirakel und den schattensammelnden Zuhälter Dappertutto mit charmanter Dämonie. Mit seinem beweglichen, klangvollen, nur im Fortissimo zu forcierten Bariton und der darstellerischen Präsenz schafft er vielschichtige Persönlichkeiten, deren Abgründe nur für einen Moment aufscheinen.

Romeis packender, in der Höhe etwas angestrengter Hoffmann ist mehr Getriebener als Handlungsträger. Im Antonia-Akt steht er am Bühnenrand und schreibt seine eigene Geschichte auf, während sich Maya Boog als seine angebetete Rockerbraut mit berührendem Sopran zu Tode singt. Agata Wilewska ist als koloraturensichere Olympia auf ihrem Plastikpferd mehr traumatisiertes Mädchen als lustiger Gesangsautomat, Sunyoung Seo öffnet die Partie der Kurtisane Giulietta ins Dramatische. Die Muse, die nicht aus dem Weinfass springt, sondern in Dessous einem Glaskasten entsteigt, ist Hoffmanns vernünftige Seite – und als Niklaus Spielverderberin bei seinen Abenteuern. Solenn’ Lavanant-Linke, beschenkt mit einem schlanken, ebenmäßigen Mezzosopran, verkörpert die Muse mit feinem Humor und offensichtlicher Eifersucht. Ein wenig Leichtigkeit bringt auch Karl-Heinz Brandt in seinen vier Dienerrollen. Ein bisschen mehr davon hätte diesen "Contes d’Hoffmann" nicht geschadet – allein, um die Fallhöhe dieses Künstler- dramas noch zu steigern.

Weitere Infos unter      http://www.theater-basel.ch

Autor: Georg Rudiger