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30. September 2014

Ein Loch in der Grenzmauer

Forstarbeiter haben bei Neuenweg ein zwei Meter breites Stück historische Grenzmauer beschädigt / Schaden soll behoben werden.

NEUENWEG. Als Hans-Jürgen Scheer vergangene Woche am Belchen wanderte, freute er sich über die Reste einer alte Grenzmauer. Die Ruine im Wald ist über 300 Jahre alt und trennte Vorderösterreich von Baden. Der historisch interessierten Wanderer aus Efringen-Kirchen erschrak dann umso mehr, als er sah, dass die Mauer an einer Stelle offensichtlich frisch beschädigt worden war. Sind womöglich Forstleute mit ihren Maschinen dabei, die alte Grenzlinie dem Erdboden gleichzumachen?

Als Revierförster Joachim Trautwein die Bilder des Wanderers vorgelegt bekommt, setzt er sich ins Auto und fährt noch am selben Tag zu der Stelle im Wald. Die Erinnerung an eine großflächige Zerstörung eines denkmalgeschützten Walls bei Raitbach aus dem Dreißigjährigen Krieg ist bei vielen Lesern noch frisch (Oktober 2013). Trautwein bestätigt später eine Beschädigung. "Man sieht an der Stelle sowohl alte Beschädigungen als auch eine neue", sagt Trautwein auf Nachfrage der Badischen Zeitung. Die Mauer sei schon vor den jüngsten Forstarbeiten in einem schlechten Zustand gewesen, und sei wohl hier ein Baumstamm über die Steine gezogen worden. Trautwein sagt, dass dies aber die einzige Beschädigung sei. Überall dort, wo die Mauer mit Moos überzogen sei, sei sie unberührt und unbeschädigt. Das entspricht den Fotos den Wanderers; nur die etwa zwei Meter breite Lücke in der Mauer zeigt sich frisch. Der Rest trägt Moos.

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Geschichtslehrer Werner Störk, bekannt unter anderem durch die "AGMini Fossi", berichtet, dass die Ruine Teil der Grenze zwischen Vorderösterreich und der Markgrafenschaft Baden-Durlach ist. Ihr historischer Wert liege darin, dass sie nicht nur zwei Herrschaftsgebiete trennte, sondern auch eine Glaubensgrenze darstellt; Vorderösterreich war bekanntlich katholisch, das Haus Baden-Durlach protestantisch. Störk: "Die Mauer ist ein wertvolles Kulturgut." Die Mauer müsse vor dem Verfall und vor Zerstörungen geschürzt werden, sagt Werner Störk.

Mit der Forderung läuft der Historiker bei Revierförster Joachim Trautwein offene Türen ein – Trautwein weist darauf hin, dass er und seine Mitarbeiter es waren, die besagtes Mauerstück vor zehn Jahren entdeckt und für Wanderer sichtbar gemacht hätten. Auch die Holztafel ("Alte Grenzmauer") hätten die Förster mit der Gemeinde aufgestellt, um auf den Wert der Steine hinzuweisen. "Wir haben selbst ein Interesse an der Erhaltung der Mauer", sagt Joachim Trautwein. Er verspricht, die Steine an der Lücke wieder aufschichten zu lassen. Die Waldarbeiter seien freilich angewiesen, die Ruinen bei ihren Arbeiten heil zu lassen. "Die Beschädigung ist nicht wissentlich passiert", so Trautwein.

Als der besorgte Wanderer von der Erklärung hört, ist er erleichtert. Hans-Jürgen Scheer (Jahrgang 58)stammt aus dem Ruhrgebiet und sagt, dass in seiner alten Heimat viel vom historischen Erbe kaputt gegangen sei. Umso mehr freut es ihn, dass er bei seinen Streifzügen durch Südbaden auf gepflegte Fachwerkhäuser, geschützte Ruinen und Denkmäler stößt.

Anders als der bei Raitbach beschädigte Wall, der einst von Bauern in Fronarbeit gebaut wurde, ist der Schaden am Belchen reversibel. Vom Wall in Raitbach blieb beim Bau eines Forstwegs im vergangenen Jahr nämlich nichts übrig. Ein Vorfall, den der Forstpräsident des Regierungspräsidiums, Meinrad Joos, später öffentlich bedauerte.

Autor: Dirk Sattelberger