Falscher Glaube konnte Leben kosten

Heiner Fabry

Von Heiner Fabry

Mo, 04. September 2017

Kleines Wiesental

Auf eine Grenzwanderung der besonderen Art begaben sich BZ-Leserinnen und Leser mit Heimatforscher Werner Störk.

NEUENWEG. Am Samstag hatte die Badische Zeitung zur "Grenzwanderung – Auf den Spuren der Reformation" auf den Hau-Pass nach Neuenweg eingeladen. Trotz Regen fanden sich auf dem Wanderparkplatz rund 40 interessierte Bürger(innen) ein, die den Ausführungen des Historikers und Heimatforschers Werner Störk folgen wollten, der aus seinem profunden Wissen über die Heimatgeschichte und die Besonderheiten der Grenzregion zwischen dem baden-durlachischen, evangelischen Markgräfler Land und dem katholischen Vorderösterreich der Habsburger-Monarchie berichtete.

Werner Störk führte die Besucher auf den Weg, der von der L 131 südwärts an der Redoute vorbei führt. Dort wurden der Historiker und die Besucher von André Hönig, dem Redaktionsleiter der BZ Schopfheim-Wiesental, begrüßt. André Hönig stellte den Referenten als anerkannten Fachmann für die Heimatgeschichte der Region vor, der sich besonders um die Erforschung der Schanzanlagen von Gersbach, dem Wiesental bis nach Neuenweg verdient gemacht hat.

"Sie stehen hier auf geschichtsträchtigem Boden", eröffnete der Historiker den Besuchern. Dieser Weg, in der Überlieferung "Vater-unser-Graben" genannt, bildet die exakte Grenze zwischen dem evangelischen Baden-Durlach und dem katholischen Habsburg-Vorderösterreich.

Zur Verdeutlichung seiner Aussagen teilte Werner Störk die Besucher. "Die Katholischen nach rechts und die Evangelischen nach links", dirigierte er, um den Gästen vor Augen zu führen, wie sich damals große Bevölkerungsteile der Region feindlich gegenüber standen. Durch die politischen Folgen der Reformation ergab sich eine echte Grenze in der Region, an der etwa 100 Jahre lang Krieg geführt wurde.

Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 und dann im 1610 vereinbarten "Ius reformandi" wurde die Zuständigkeit der Religions-Zugehörigkeit auf die Territorialebene verlagert. "Kurz gesagt: Wer regiert, der bestimmt", erläuterte Werner Störk diese Regelung. Wenn der regierende Fürst die Religion wechselte, hatten ihm alle Untertanen zu folgen. "Das bedeutete in der Praxis, dass von einem Tag auf den anderen Menschen, die vorher katholisch waren, nun auf einmal evangelisch waren, weil der Fürst die Religion gewechselt hatte", so der Historiker. "Dieser Wechsel ist im deutschen Südwesten beileibe nicht so harmonisch verlaufen wie er gerne dargestellt wird", berichtete Störk. "Es besteht die begründete Annahme, dass in den Visitationsberichten der markgräflichen Kommission massive Spannungen, die sich in der Region ergaben, heruntergespielt oder gar verschwiegen wurden."

Jedenfalls wurde im Jahr 1634, als sechs bis acht Gersbacher bei Gersbach grundlos erschossen wurden, im katholischen Zell im Wiesental ein Freudenfest veranstaltet, weil es wieder einige "Wüstgläubige" weniger gab. Werner Störk wandte sich an die konfessionell geteilten Besucher. "Heute erlauben wir uns hämische Kommentare über Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten im Islam, und wir vergessen, dass wir vor etwa 400 Jahren das Gleiche erlebt haben. Wir haben lange gebraucht, um diese Spaltung zu überwinden, und im 17. Jahrhundert hätten Sie sich hier nicht so friedlich gegenüber stehen können. Und auf dem Weg bis heute haben viele Tausend Menschen wegen der Glaubensfrage ihr Leben verloren", sagte Störk.

Es war der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648), der das markanteste Ereignis in dieser Entwicklung darstellt. "Wenn ich Sie bitte, an den Barock zu denken, dann werden Sie sich an Höchstleistungen in Architektur, Musik und bildender Kunst erinnern", führte Werner Störk aus. "Aber es war auch die Zeit des Krieges, der insgesamt fast 100 Jahre lang unsere Region heimsuchte. Eine Zeit, in der drei Pestepidemien und viele Hexenverfolgungen wüteten und in der viele Tausende ihr Leben verloren", gab der Historiker zu bedenken. Und in der die Region Grenzgebiet war, in dem sich feindliche Truppen jahrelang gegenüber standen und sich bis aufs Blut bekämpften.

"Kurz gesagt: Wer regiert, der bestimmt"

Historiker Werner Störk
Vom Standort auf dem "Vater-unser-Graben" auf dem Hau mit Blick über die Redoute auf die bekannte Sternschanze erläuterte Werner Störk die Anlage der Fortifikationen und beschrieb die Kriegsführung im 17. Jahrhundert. Besonders wichtig war ihm, anschaulich zu machen, was dieser Krieg und seine Folgen für die Menschen bedeuteten. "Stellen Sie sich vor, dass alle Männer über 14 Jahren jährlich während drei Monaten zu Schanzarbeiten gezwungen wurden. Zeit, in der sie in der Landwirtschaft fehlten. Auf Weigerung oder Desertion stand die Todesstrafe. Die Arbeit blieb an den Frauen hängen." Und dazu kamen die Belastungen durch den Krieg. Alleine in Neuenweg waren teilweise mehr als tausend Soldaten einquartiert. "Damals lebte der Krieg aus dem Land. Die Soldaten holten sich, was sie brauchten von den Bauern. Es brauchte gar keine aktiven kriegerischen Handlungen, um die Menschen ins Elend zu stürzen." Alle Kriegsparteien bedienten sich bei den Bauern, egal, ob die Soldaten katholisch oder evangelisch waren. "Versuchen Sie sich vorzustellen, wie Sie sich fühlen, wenn Soldaten ihr letztes Schwein, ihre letzte Kuh oder den letzten Sack Saatgut abholten, und der Winter steht vor der Tür. Und es ist nichts mehr zu essen im Haus."

Werner Störk erinnerte sich, dass sich während seiner Zeit als Lehrer in Schopfheim gerade Schülerinnen empörten, wenn in den Quellen davon die Rede war, dass ein über 60 Jahre alter Bauer eine 16-Jährige geheiratet hatte. "Aber man muss tiefer in die Quellen schauen", mahnte Werner Störk an. Kinder waren für die Bauern Arbeitskräfte und eine gewisse Altersversorgung. Bei einer Kindersterblichkeit von 95 Prozent musste eine Frau in jungen Jahren zehn bis zwölf Kinder gebären, um eins oder zwei durchzubringen. In dem genannten Beispiel hatte der Bauer fünf Frauen im Kindbett verloren und sich wieder neu verheiratet, um eine Frau im Haus zu haben, die sich um vorhandene Kinder kümmern und auf dem Hof helfen zu können. "Wir müssen uns in die Lebensverhältnisse der Menschen in jener Zeit versetzen, um ermessen zu können, mit welchem Elend die Menschen in der Folge von Reformation und Glaubenskrieg in ihrem Alltag konfrontiert waren", erklärte Werner Störk. Gerade dieser Aspekt wurde in der Folge in der Diskussion mit dem Historiker von den Zuhörern thematisiert.

Klaus Felber von der Badischen Zeitung bedankte sich bei Werner Störk für einen hochinteressanten und nachdenklich stimmenden Vortrag und lud die Besucher im Anschluss zu weiteren Gesprächen bei einer Vesper auf dem Hau-Parkplatz ein.