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22. Mai 2013

Geht Neuenwegs Stern jetzt erst richtig auf?

Neue Forschungen sprechen dafür, dass die Sternenschanze das Werk von Franzosen ist – damit wäre sie historisch und archäologisch einmalig im Südschwarzwald.

  1. In einem ganz neuen Bild erscheint die Sternenschanze Neuenweg angesichts von Werner Störks Theorie. Die rote Umrandung zeigt die zusätzliche Befestigung, die auf französische Bauweise schließen lässt. Foto: privat

  2. Werner Störk Foto: André Hönig

  3. Die Sternschanze (gelb) und die Redoute (rot) sind nicht nur unterschiedlich gebaut – auch führt die Verbindungslinie (rot) an der Sternschanze vorbei. Foto: privat

  4. Rot eingezeichnet sind hier rechts die kleinen Vorbefestigungen, die sich auch bei Modellen und in Plänen finden. Werner Störk Foto: privat

  5. Die Darstellung zeigt unter anderem Vauban und seine Festungspläne. Foto: privat

NEUENWEG. Eine "Sternstunde" in der Geschichte der Erforschung der Schanzen bahnt sich an: Hatte man bisher gedacht, die Neuenweger Sternenschanze sei Teil der Befestigungslinie, die zum Schutz vor den Franzosen errichtet wurde, scheint sie in Wahrheit das genaue Gegenteil, sprich das Werk des damaligen Feindes zu sein. Die Schanze wäre damit das einzig erhaltene Erdfestungswerk jener Zeit aus französischer Hand im Südschwarzwald.

Das Ganze könnte der Fantasie eines Krimiautors entsprungen sein: In Detektivarbeit wird Verborgenes enthüllt, scheinbare Wahrheiten werden auf den Kopf gestellt und das alles anhand von Indizien, die nur eine gewiefte Spürnase erkennen kann. Doch der Chefermittler heißt in diesem Fall nicht Colombo oder Derrick, sondern Werner Störk.

Der Schopfheimer hatte 1982 die AG Minifossi gegründet und bis zu ihrem mehr oder wenige offiziellen Ende kürzlich geleitet. Jetzt verwaltet er ihren Nachlass und arbeitet noch offene Punkte ab. Als Heimatforscher hat er sich in dieser zeit Expertenwissen auf unterschiedlichsten Fachgebieten angeeignet, vom Goldschürfen über den Bergbau bis zur Erforschung und Sicherung der legendären Schanzenlinien des Türkenlouis (siehe Infobox). Schwerpunkt dabei waren speziell die Schanzen im Wiesentäler Raum. Bis zu 80 Schanzen hat er mit seiner Schüler-AG analysiert und dokumentiert, viele davon wurden erst dank der Minifossi (wieder-)entdeckt. Und so verfügt Störk mittlerweile über die Erfahrung von zehn Jahren schanzenhistorischer "Feldarbeit" sowie Kenntnisse aus dem Studium unzähliger historischer Literaturquellen- und Kupferstiche.

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"Die Sternschanze von Neuenweg war dabei von Anfang an ein sehr auffälliges Objekt, da es keine vergleichbare Anlage gab", erzählt er. Mit Blick auf umliegende Erdwallfestungen, die sich entlang der Linie wie an einer Perlenschnur aufgezogen durch die Landschaft zogen, fällt die Sternschanze aus mehreren Gründen aus dem Rahmen. So sind die meisten Schanzen viereckig. So auch die Redoute in direkter Nachbarschaft unterhalb der Neuenweger Sternschanze. Doch überhaupt wirkt die Neuenweger Schanze intelligenter geplant und durchdachter konstruiert. Störk: "Lange hat man sich das ganz einfach so erklärt, dass die Schanze wohl neueren Datums sein muss – sozusagen ein fortschrittlicheres Modell." Doch nun sieht es so aus, als müsste ein Kapitel Heimatgeschichte neu geschrieben werden – dank "Kommissar Zufall". Eher zufällig nämlich hat sich Störk in den vergangenen Wochen nochmals die Schanze angeschaut. Störk brütete über den Vortrag zur Geschichte des Kleinen Wiesentals, den er am kommenden Sonntag in Tegernau halten wird und dabei gingen ihm die Besonderheiten der Neuenweger Schanze nicht aus dem Sinn. Beim Dokumentieren seiner historischer Kupferstiche, die als Schenkung an die Stadt Schopfheim übergingen, fiel es ihm dann wie Schuppen von den Augen: Das Bauprinzip ist absolut identisch mit Wehranlagen des berühmten französischen Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban (1633–1707). So zeigen ihn zeitgenössische Stiche zusammen mit Konstruktionsplänen seiner Anlagen. Alle wurden nach dem gleichen Schema errichtet, wie etwa Freiburg und Neuf-Brisach. Ein typisches Merkmal sind kleinere, dreieckige Verteidigungsstellungen, die der sternförmigen Hauptbefestigung vorgelagert sind – so wie sie auch die Neuenweger Schanze aufweist, und zwar als einzige weit und breit.

Diese Vorlagerungen waren mehr als nur Beiwerk. Störk fand heraus, dass sie "eine viel effektivere Verteidigung ermöglichten, weil es so absolut keinen toten Winkel mehr gab". Sein Forscherdrang trieb ihn erneut ins Gelände – zudem kehrte er auf Bildern des Hasler Luftbildfotografen Erich Meyer die Farben um. Warum? "Weil man auf invertierten Bildern viel besser Spuren im Gelände sieht", erklärt Störk. Und tatsächlich – je mehr Störk Belege dafür suchte, dass die Sternschanze ein französisches Bauwerk war, zeitlich also errichtet noch vor der Linie des Türkenlouis, desto mehr wurde er fündig. So führen etwa Lauf- und Verbindungsgräben nicht zur Schanze, sondern daran vorbei, beziehungsweise durchschneiden sie seitlich. "Das macht keinen Sinn, wenn sie Teil dieser Linie gewesen wäre." Strategisch hätte es aus französischer Sicht jedenfalls allemal Sinn gemacht, hier ein Bollwerk zu haben. Lassen sich doch auf dieser Passhöhe ideal die Wege nach Müllheim, Kandern und ins Münstertal sichern. Auch verlief genau hier die Grenze zwischen protestantischer Markgrafenschaft und katholischem Reichsgebiet. Ein ideales Einfallstor für Kriegszüge – wie die beiden französischen Angriffe auf Schönau 1677 und 1678. Just in dieser Zeit baute Vauban Freiburg und Breisach. Störk hält es deshalb sogar für möglich, dass der große Festungsbaumeister hier seine Hände selbst im Spiel hatte.

Den endgültigen Beweis für die Theorie könnte ein Blick in französische Archive liefern – die sind Deutschen allerdings nach wie vor verschlossen, wenn es um die Geschehnisse auf rechtsrheinischem Gebiet jener Zeit geht. Störk hat sich deshalb an die französische Botschaft in Berlin gewandt. Und an Dr. Jean-Marie Bailiet in Colmar. Dieser ist Spezialist für Vaubans Festungsanlagen und war mitverantwortlich dafür, dass die Festungsstadt Neuf-Brisach ins Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Seine erste Reaktion: Die Anlage sei "eine Rarität." Tatsächlich, so Störk, wäre sie – wenn seine Vermutung stimmt – auf jeden Fall die einzig bis heute erhaltene reine Erdwallfestung aus französischer Hand im Südschwarzwald. "Somit wäre die Neuenweger Sternschanze absolut einzigartig."

Mehr Details zu Störks Schanzentheorie liefert der Vortag "Von Glasbläsern, Bergknappen, Goldsuchern und Schanzbauern" am Sonntag, 26. Mai, in der Krone Tegernau ab 11 Uhr.



SCHANZEN

Die Barocken Verteidigungsanlagen im Schwarzwald waren ein über 200 Kilometer langes Verteidigungssystem aus Erdbefestigungen. Errichten ließ sie zwischen 1692 und 1701 Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), auch "Türkenlouis" genannt, dem kaiserlichen Oberbefehlshaber, dem die Verteidigung Deutschlands gegen die Franzosen oblag. Die markgräfliche "Linie" teilte sich im Südschwarzwald in die "Vordere Linie" und die "Hintere Linie". Die starke Sicherung des Gersbacher Raumes bildete den Dreh- und Angelpunkt der "Vorderen" und "Hinteren Linie".  

Autor: hö

Autor: André Hönig