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27. Februar 2016

Kein Durchkommen

Bei Neuenweg wurde eine große Verteidigungsanlage des Türkenlouis um das Jahr 1700 entdeckt / Historiker Werner Störk: einzigartig /.

  1. Sichtbare Reste: Die Quadratschanze wachte über den Hau-Pass. Foto: Sattelberger

  2. Foto: Sattelberger

  3. Foto: Sattelberger

  4. Blick vom Belchen in Richtung Süden. Gelb: Laufgräben zur Kommunikation Foto: Erich Meyer

Hannes ist Berufssoldat, 26 Jahre alt, und er fröstelt. Die vergangene Nacht war heftig – von den Schneestürmen im Schwarzwald hat er zwar schon gehört; dass sie seine Einheit bei Neuenweg aber meterhoch im Schnee versinken lassen können, ist dem Soldaten der kursächsischen Armee erst jetzt klar geworden. Die Lederstiefel, die mit trockenem Stroh gefüllt sind, hinterlassen mit einem glucksenden Geräusch Spuren im Schnee. Hannes’ Blick geht nach Westen Richtung Sirnitz und Münstertal. Alles ruhig; von Franzosen weit und breit keine Spur. Der Vorderlader bleibt im Blockhaus... Ob heute wohl Zeit ist, im Dorf ein paar Worte mit den Bauernmädchen zu wechseln, die ihm gestern etwas Alemannisch beigebracht haben?

So oder ähnlich könnte um das Jahr 1700 herum ein Tag auf der Holderschanze für die stationierten Soldaten begonnen haben. Ihr Auftrag: Abwehr französischer Truppen, die bereits die Rheinebene verwüstet hatten. Vier Mal hatten sie es schon gewagt, über die Passhöhe Hau bei Neuenweg im Kleinen Wiesental die Stadt Schönau anzugreifen. Mit diesen Angriffen auf das Reich sollte Schluss sein, und so ließ Markgraf Ludwig Wilhelm (1655 bis 1707, genannt Türkenlouis) einen mehrfachen Verteidigungswall im Schwarzwald anlegen. Als Baumaterial diente das, wovon es im Überfluss gab: Holz, Steine und Erde.

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Von der einst engmaschigen Verteidigungslinie zwischen Murg und Heidelberg sind heute noch Gräben, Wälle und Reste von Beobachtungstürmen und Wachposten erhalten; bekannt sind nicht zuletzt die Schanzen in Gersbach. Jetzt wurde eine neue Schanze entdeckt; nicht irgendeine, sondern in den Augen von Schanzenexperte Werner Störk aus Schopfheim eine Sensation: "Das ist ein regionalgeschichtlicher Diamant", sagt Störk bei einem Rundgang durch die verschneite Landschaft. Denn die Holderschanze ist nicht nur in ihrer Ausdehnung mächtig, sie ergänzt auch das bislang bekannte Schanzensystem. Mit einer Länge von 120 Metern und einer Breite von rund 30 Metern ist sie die größte, die Werner Störk bislang gesehen hat – und das sind über 100 im Südschwarzwald.

Wer heute den Laufgräben nachgeht, also den geschützten Wegen, die früher Soldaten wie Hannes von einer Schanze zur nächsten gingen, stößt auf Hügel, Gräben und Steinhaufen. Und wer sich mit den Hinterlassenschaften des Türkenlouis näher auseinandergesetzt hat, kann sie auch entschlüsseln: Steinhaufen sind sehr wahrscheinlich Reste eines Beobachtungsturms, von dem aus die Soldaten über die Wälle in Richtung Westen schauten – im Ernstfall hätten sie Bedrohungen an die hinter den Wällen stationierten Soldaten gemeldet. "Furchtbar, wenn die Franzosen versucht hätten, hier den Hang hinaufzustürmen", erklärt Werner Störk. Denn dort wären sie auf offenem Feld mit Gewehrfeuer empfangen worden. Ihre Kanonen hätten die französischen Truppen im Tal konstruktionsbedingt nicht in Stellung bringen können, um die hoch gelegene Holderschanze zu treffen.

Terrassen im Gelände deuten gut sichtbar darauf hin, dass die Habsburger Truppen ihre Holderschanze zwischen Hau und Bürchau gleich mehrfach mit Wallgraben geschützt haben. Erbaut wurden sie wohl zu großen Teilen von Schwarzwälder Bauern, die von den Soldaten – in unserem Beispiel mit sächsischem Dialekt – dazu verpflichtet wurden.

Nur von den zugespitzten Baumstämmen ist nichts mehr übrig, die als Palisade im Verteidigungsfall in die Wälle und vor die Gräben gerammt wurden. Sie hätten Angreifer sehr wirkungsvoll davon abgehalten, die Linien zu überqueren. Die Franzosen – der "Erbfeind" – auf der anderen Seite der Grenze waren übrigens nicht nur den Habsburgern mit ihren sächsischen Helfern von zusammen 10 000 Mann zahlenmäßig weit überlegen, sie konnten auch leichte Geschütze über die Pässe ziehen, jedenfalls im Sommer. Aus heutiger Sicht hat die Holderschanze gehalten. Von einem Angriff ist nichts bekannt. Störk: "Die Schanzen hatten eine starke abschreckende Wirkung."

Autor: Dirk Sattelberger