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11. März 2017

Wie Neuenweg wieder aufgebaut wurde

BERGBAU IN NEUENWEG (TEIL 8): Ein rätselhafter Stein im Keller von Familie Dießlin erzählt von der Brandkatastrophe 1903.

  1. d Foto: Repro: Werner Störk

  2. Der rätselhafte Stein von 1767 im Keller von Familie Dießlin entpuppt sich als ein Türsturz. „C.F.“ geht wohl auf Catharina Vollmer zurück. Foto: Dirk Sattelberger

  3. Das Haus der Dießlins in der Talstraße 9 entstand auf den Trümmern des Brands. Foto: dirk Sattelberger (2)

  4. Ein Bild der Verwüstung: Das Dorf nach dem Brand Foto: Werner Störk

KLEINES WIESENTAL (dsa). Neuenweg am 8. Oktober 1903. Seit dem Morgen brennt es lichterloh in der Dorfmitte. Wer kann, bringt sich in Sicherheit. Der Wind bläst stark und facht das Feuer kräftig an. Mit Stroh oder Schindeln gedeckte Dächer geben dem Feuer immer wieder neue Nahrung. Am Nachmittag ist die Gefahr gebannt. Doch 15 Gebäude sind vernichtet, ihre Bewohner obdachlos.

Die Brandkatastrophe von Neuenweg im Jahr 1903 hat die Post im Ort zerstört, zwei Gasthäuser und zwölf weitere Häuser. 24 Familien wurden obdachlos, hat Regionalhistoriker Werner Störk recherchiert. Immerhin wurde niemand bei dem Brand im Bergbaudorf Neuenweg getötet.

Dass Störk die Brandkatastrophe und ihre Folgen rekonstruieren kann, hat er unter anderem Dirk Dießlin zu verdanken. Der Schreiner besitzt ein Haus in Neuenweg, dessen Keller er seit einigen Wochen mit seiner Frau herrichtet. Dabei stießen sie auf einen rätselhaften Stein in der Kellerwand. Er ist auf dem Kopf stehend eingemauert worden. Darin hat jemand folgende Zeichen eingemeißelt: 767 + C.F. +

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Dirk Dießlin rief bei Werner Störk an und erzählte ihm von dem ungewöhnlichen Stein. Störk hat in den letzten Monaten in der Gegend rund um Neuenweg so manchen archäologischen Schatz gehoben (die BZ berichtete). Begeistert schaute er sich auch den Kellerfund der Dießlins an. Und ist sich sicher, das Rätsel um die Herkunft des Steins klären zu können. Letztlich weist seine erneute Verwendung nicht nur auf das Brandjahr 1903 – sondern er wird zu einem noch weitaus älteren Zeugnis aus der bewegten Geschichte Neuenwegs.

Auch beim Markloffski-Epitaph an der Neuenweger Kirche gibt es Auffälligkeiten wie fehlende Buchstaben. Einzelne Buchstaben wurden gedreht, und es gibt mehrfach orthographische Fehler. "Solche Besonderheiten haben primär mit dem Steinmetz und dessen sprachlichen Fähigkeiten zu tun", erklärt Werner Störk. Außerdem wurden Steinmetzarbeiten überwiegend nur mündlich erteilt. Der Steinmetz hat dann das eingemeißelt, was er eben hörte. "Und so kann sich sehr schnell ein V in ein F verwandeln", berichtet Werner Störk. Solche Fälle sind etwa auch im Kandertal belegt, wo aus "Fischer" dann "Vischer" wurde.

War so etwas möglicherweise auch hier in Neuenweg passiert? Bekannt ist auch, dass es gerade in der Region den Buchstaben F bei Nachnamen relativ selten gibt – und sämtliche Kombinationen mit Vor- und Zunamen sowie des Geburtsorts ergaben kein sinnvolles Ergebnis. All dies verstärkte bei dem Forscher den Eindruck, dass die auf dem Türsturz eingemeißelten Initialen keiner lebenden Person zuzuordnen sind – für Störk ein Indiz dafür, dass zumindest einer diese beiden Buchstaben nicht korrekt war.

Links die Initialen des Mannes, rechts der Frau

Hinzu kommt, dass auf solchen repräsentativen Türstürzen auch der Besitzstand anhand der männlichen bzw. weiblichen Namenzuweisung klar geregelt war: An erster Stelle auf der linken Seite des Türsturzes wurden die Initialen des Mannes, dann auf der rechten – dem Manne nachfolgend – die der Frau eingesetzt. Damit war aber auch klar, dass das gefundene rechte Fragment die weibliche Seite dokumentierte und sich die Buchstaben "C.F." auf jeden Fall auf eine Frau – sehr wahrscheinlich die Ehefrau – bezogen. 767 bezeichnet wohl das Baujahr: 1767. Störk holte einen ausgewiesenen Kenner der genealogischen Situation im Kleinen Wiesental mit ins Boot: den Heimat- und Familienforscher Fred Wehrle aus Malsburg-Marzell. Sie konzentrierten sich auf die Initialen "C.V." statt "C.F.".

Damit ging Wehrle die historischen Daten aus den Kirchenbüchern von Neuenweg durch. Der Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten. Denn zu den Vorfahren, mit denen sich Fred Wehrle intensiver beschäftige, zählen unter anderem die Neuenweger und Bürchauer Familien Asal, Eichin, Senn, Zeh, Bechtel und Vollmer. Und bei den letzteren wurde man tatsächlich fündig. Laut Kirchenbuch heiratete am 8. Mai 1764 Michael Bauer, Vogt in Neuenweg, die Catharina Vollmer ("C.F."). Das Ehepaar hatte drei Kinder, wovon zwei noch in jungen Jahren starben. Die somit einzige erwachsene Tochter heiratete 1787 Johannes Senn, Kronen-Wirt in Neuenweg, Sohn des Jacob Senn, Kronen-Wirt, und der Maria Zäh. Somit war in der Familie Bauer kein Hausnachfolger mehr da, berichtet Werner Störk, und Michael Bauer verkaufte vermutlich um 1815 das Haus. Er starb ein Jahr drauf, seine Frau bereits 1806.

Da auf dem Gemarkungsplan von 1753 unmittelbar neben dem in Frage kommenden Areal bereits das staatliche Gebäude der "Krone"-Wirtschaft von 1753, Haus Nr. 4, steht, konnte nur ein Abgleich mit einem späteren Gemarkungsplan von Neuenweg Aufschluss darüber geben, wo der Vogt Michael Bauer nach der Hochzeit sein Haus errichtete, so Störk. Nun kann rekonstruiert werden, dass Michael Bauer sein Haus auf dem Grundstück Nr. 131 neben der "Krone" errichtete. Die Vermutung liegt nahe, dass das Grundstück dem Kronenwirt Senn gehörte und es so "in der Familie" blieb. Andererseits war Michael Bauer als Vogt wirtschaftlich in der Lage, das Haus mit dem beeindruckenden Türsturz und so mit einem repräsentativen Eingang auszustatten. Jenes Haus wurde nach dem Tod von Michael Bauer im Jahre 1816 von Matthias Vollmer erworben und in den nächsten drei Jahren zur Wirtschaft "Zum Adler" umgebaut und vermutlich um 1820 von ihm als erster Adlerwirt eröffnet.

Was wohl noch alles im Keller schlummert?

Da im Keller der Dießlins noch weitere Fragmente von Fenster- und Türrahmen, sogenannte Buntsandstein-Gewände, eingemauert wurden, bestehe durchaus die Möglichkeit, dass das fehlende Gegenstück mit "M.B." zu dem Türsturz auch darunter ist. Dirk Dießlin findet es spannend, was sich an historischen Zeugnissen in seinem Keller tummelt.

Man erzählt sich übrigens in Neuenweg, dass eine umgefallene Petroleumlampe den Brand ausgelöst hat – für diese Zeit nicht ungewöhnlich. Bereits ein Jahr nach der Feuerkatastrophe konnten die Wohnstätten dank staatlicher und privater Hilfe wieder aufgebaut werden.

Werner Störk ist Historiker aus Schopfheim und beschreibt in dieser Serie erstmals Forschungsergebnisse aus Neuenweg.
Internet: http://www.minifossi.pcom.de


Autor: dsa