Kleinfarmer statt Gutsbesitzer

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Do, 11. Oktober 2018 um 19:08 Uhr

Ausland

"Noch einer!", seufzt Robert Smart, als ein weiteres Fahrzeug auf seiner entlegenen Farm Lesbury im Osten von Simbabwe aufkreuzt. Statt mit Journalisten zu reden, sollten sich der 72-jährige Landwirt und sein 41-jähriger Sohn Darryn um den Wiederaufbau ihres Gutes kümmern – doch ein nicht abreißender Strom an Reportern hält sie von der Arbeit ab. Die Smarts sind die ersten weißen Farmer, die nach der berüchtigten simbabwischen Landreform im Jahr 2000 ihr konfisziertes Gut zurückbekommen haben.

Lesbury ist der Traum eines jeden Gutsbesitzers: sanfte Hügel, vom rauen Wetter abgerundete Felsformationen, dazwischen trockene sandige Felder, die sich hervorragend für den Tabakanbau eignen. Auf ihren 8000 Hektar Land fuhren Vater und Sohn Smart, deren Vorfahren vor fast hundert Jahren aus England ins damalige Rhodesien gekommen waren, früher jährlich tonnenweise Tabak und Mais ein. Als Mugabe im Jahr 2000 mit seiner "beschleunigten" Landreform begann, wusste Robert Smart, dass es nicht wie bisher weitergehen konnte: Er verkaufte 5000 Hektar Land an die Regierung und verschenkte 2000 Hektar an seine schwarzen Nachbarn, die neben Lesbury in ihr "Gemeinschaftsland" eingezwängt lebten.

Ihre Initiative trug den Smarts sowohl unter Politikern wie in der Bevölkerung Sympathien ein: Während Simbabwe im Chaos gewalttätiger Farmbesetzungen unterging, blieben die Smarts 17 Jahre lang verschont. Bis im vergangenen Jahr ausgerechnet der Bischof einer Pfingstkirche, Trevor Manhanga, ein Auge auf Lesbury warf: Der Mugabe nahestehende Kirchenfürst rückte mit einem Schlägertrupp an, der Smarts Farmarbeiter verprügelte und die Gutsbesitzer-Familie in die nahegelegenen Hügel jagte.

Allerdings gehörte der räuberische Bischof der "falschen" Fraktion der Regierungspartei Zanu/PF an – die Gruppe um Mugabes Frau Grace wurde durch den Militärputsch des vergangenen Jahres kaltgestellt. Schließlich rückten Soldaten in Lesbury ein, um Bischof Manhanga wieder davonzujagen: Mit einem "Reinigungsritual" feierten die Nachbarn die Rückkehr der Smarts.

Dass die weiße Farmersfamilie der Vorbote einer Trendwende in der Landpolitik der neuen Regierung unter Emmerson Mnangagwa ist, muss allerdings bezweifelt werden. Von den rund 4500 weißen Farmern, die bis zur Millenniumswende auf fast 75 Prozent der fruchtbaren Fläche Simbabwes saßen, leben heute nur noch knapp 400 auf ihren Gütern. Alle anderen sind nach Südafrika, Australien, Neuseeland oder Kanada ausgewandert.

Einen Teil der Ländereien rissen sich Mitglieder der politischen und militärischen Elite Simbabwes unter den Nagel: Allein die Familie Mugabe sammelte 15 Güter ein. Hatten die Besetzer ein blühendes Gut zugrunde gerichtet, eigneten sie sich das nächste an. Kein Wunder, dass die landwirtschaftliche Produktion in den Keller stürzte. Wurden 1998 noch gut zwei Millionen Tonnen Mais eingefahren, war es wenige Jahre später nur noch ein Sechstel davon. Die einstige Kornkammer des Kontinents war plötzlich auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Selbst Mnangagwa räumt ein, dass die Landreform in dieser Form ein Fehler war: "Sie hat uns zu Bettlern gemacht", sagte der neue Präsident im August. Trotzdem will der einstige Gefolgsmann Mugabes sie "unter keinen Umständen" wieder rückgängig machen, wie er bei einer überraschenden Begegnung mit weißen Farmern in Harare jüngst versicherte. Schließlich sei mit der Enteignungswelle ein historisches Unrecht an den Schwarzen korrigiert worden.

Selbst die einst als Sprachrohr der weißen Farmer geltende oppositionelle Bewegung für demokratischen Fortschritt (MDC) will die Umverteilung des Landes anerkennen, sollte sie irgendwann mal an die Macht kommen: Korrigiert werden müssten nur die schlimmsten Auswüchse der raffgierigen Beschlagnahme durch Regierungsmitglieder und deren Freunde. Das aber waren höchstens fünf Prozent der zehn Millionen Hektar enteigneten Landes. Der weit größere Teil ging an fast 250 000 schwarze Kleinfarmer.

Walter Murwira ist einer davon. Der 40-Jährige bereitet gerade mit der Hacke sein an der Straße zwischen Harare und Mutare gelegenes Land vor: In den nächsten Tagen will er 17 000 Tabaksetzlinge einpflanzen. Vor mehr als zehn Jahren war Murwiras Anbaugebiet einem weißen Gutsbesitzer weggenommen und in knapp fünf Hektar große Parzellen aufgeteilt worden. Nun profitieren mehrere hundert schwarze Kleinfarmer davon. Der einstige Automechaniker Murwira ließ sich in einem Schnellkurs zum Tabakfarmer ausbilden und wendet seine Kenntnisse nun erfolgreich an: In regenreichen Jahren nimmt er bis zu 7000 US-Dollar ein. Damit kann er locker seine achtköpfige Familie ernähren.

Farmer wie Murwira sind der Stolz der südafrikanischen Krisennation: Sie trugen dazu bei, dass die Tabakernte im vergangenen Jahr mit mehr als 240 Millionen Kilogramm sogar höher ausfiel als vor 2000. Dass es so weit kommen konnte, ist auch der chinesischen Allgegenwart in Simbabwe zu verdanken: Mittelsmänner aus dem Raucher-Reich der Mitte stellen vielen der fast 100 000 neuen Tabakpflanzer des Landes sowohl Setzlinge wie Dünger und Insektenvernichtungsmittel zur Verfügung – und nehmen ihnen die Ernte zu garantierten und keineswegs unfairen Preisen ab. "Soll noch jemand sagen, dass die Chinesen in Afrika nur Unheil anrichten", lacht Walter Murwira: Tabak ist wieder der größte Devisenbringer Simbabwes.

Auch die Maisfarmer fuhren im vergangen en Jahr mit 220 Millionen Tonnen eine Rekordernte ein: In diesem Fall sind es nicht die Chinesen, die den Erfolg ermöglicht haben, sondern die Regierung in Harare selbst. Sie zahlt derzeit 380 US-Dollar pro Tonne Mais und verkauft diese für lediglich 270 US-Dollar an die Maismühlen weiter. Die Subventionierung ihres Hauptnahrungsmittels kommt die Steuerzahler allerdings teuer zu stehen: Im Nachbarland Südafrika können Maisfarmer auf dem freien Markt lediglich mit 150 US-Dollar rechnen. "Command Agriculture", Kommando-Landwirtschaft, nennt die Regierung ihre Wiederaufbauhilfe für den Ackerbau im schönsten Sozialisten-Englisch.

Dazu gehören auch Kredite für die rund 2000 schwarzen Farmer, die jeweils über mehr als 200 Hektar Land verfügen. Um sie im Griff zu halten, will die Regierung keine Eigentumstitel mehr vergeben, sondern nur noch Pachtverträge, oft lediglich für 20 Jahre. Private Kredite kann man damit nicht bekommen. Mildred und Felix Kamusasa, zwei Agronomen, die sich während des Landwirtschaftsstudiums kennengelernt hatten, bewirtschaften einen Teil einer Farm, die ehemals im Besitz eines Weißen war. Derzeit ist das Ehepaar damit beschäftigt, den Schaden zu beheben, den 15-jährige Verwahrlosung angerichtet hat. Wenn sie damit fertig sind, wollen sie dem Vorbesitzer eine freiwillige Entschädigung zukommen lassen. Aber nur, wenn sie mit einem Eigentumstitel auch die nötige Sicherheit bekämen, sagt Felix Kamusasa. Bisher müssen auch sie sich mit einem Pachtvertrag begnügen. Dagegen sollen die Smarts den Grundbucheintrag für ihr abgemagertes Gut Lesbury behalten dürfen. Statt mit den einst 8000 Hektar kämen sie auch mit einem Zehntel der Fläche klar, sagt Papa Robert. Hätten mehr weiße Farmer diese Einsicht geteilt, wäre es nie zu der verheerenden Landreform gekommen .