Unterm Strich

Wenn Politiker und ihre Mitarbeiter Wikipedia-Einträge umschreiben

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Di, 19. September 2017

Kolumnen (Sonstige)

Ein Hund namens Bobo

Das große Problem mit der Wahrheit ist, dass es nicht nur eine gibt. Es ist ein schmaler Grat, der Rebellen von Räubern trennt, Intellektuelle von Dummschwätzern und Fußballgötter von Schwalbenkönigen. Oft ist es eine Frage der Perspektive. Geschichte, heißt es, ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat. Es heißt aber auch: Geschichte wird gemacht. Und das ist nirgends so einfach und bequem wie beim Internetlexikon Wikipedia.

Und nirgends lässt sich das so einfach und so bequem nachvollziehen wie dort. Die Versionsgeschichte bleibt nämlich gespeichert. Kollegen des Bayrischen Rundfunks haben das ausgenutzt und die Einträge der Bundestagsabgeordneten durchforstet. Das Ergebnis: Ein Drittel davon wurde schon über Computer im Netzwerk des Bundestages bearbeitet, also entweder von den Abgeordneten oder von ihren Mitarbeitern, möglicherweise auch von der Konkurrenz. Auf jeden Fall aber anonym – mal abgesehen von der verräterischen IP-Adresse.

Oft ging es um Kleinigkeiten. Beim hessischen SPD-Mann Michael Roth kam die Ehrung "Träger des Großkreuzes des Kronenordens des Königreichs Belgien" hinzu, beim niedersächsischen CDU-Politiker Maik Beermann die Mitgliedschaft bei Hannover 96. Beim rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten Thomas Hitschler verschwand hingegen der Hinweis auf eine Direktwahlniederlage – und beim Waiblinger CDU-Abgeordneten fehlte auf einmal der Satz: "Joachim Pfeiffer gilt als Befürworter des Einsatzes von Atomkraft." Er selbst sagt, dass veraltete Positionen "upgedated" worden seien.

Theoretisch kann jeder jeden Eintrag ändern. Das ist Schwäche und Stärke. Für jedes Thema gibt es irgendwo einen Experten – aber auch jemanden, der es besser weiß. Oft überstehen die Änderungen nur Minuten, bis sie ein anderer wieder rückgängig macht. Wie zum Beispiel beim westfälischen SPD-Politiker Wilhelm Priesmeier. Die Recherche ergab, dass der Satz "Sein Hund heißt Bobo" nach drei Minuten verschwunden war.