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06. August 2016

Bassam Tibi und die Basler Zeitung

ANGERISSEN: Die "Flucht" in die Schweiz

Bassam Tibi ist ein kluger Kopf. Und ein streitbarer zumal. Mit seiner Idee des Euro-Islam, einer von Immanuel Kant inspirierten Variante eines aufgeklärten, säkularen Islam, interveniert der aus Syrien stammende Politikwissenschaftler schon seit den frühen 1990ern gegen fundamentales Denken und Handeln. Dass er jetzt gerade wieder verstärkt öffentlich das Wort erhebt, ist weder überraschend noch befremdlich. Im Gegenteil: Tibis Positionen gegen extreme Haltungen auf der einen wie auf der anderen Seite waren immer erfrischend unorthodox mit Blick auf den schwierigen Diskurs zwischen Okzident und Orient und wären gerade in der immer verfahrener erscheinenden Situation gerade so wertvoll.

Doch der 78-jährige Göttinger Emeritus schmollt. Dass er die Deutschen in der Welt kritisiert, weil es Ihnen an "Identität" fehle, und an Persönlichkeiten wie Adorno, Horkheimer oder Bloch – zeugt von seiner wachen Beobachtungsgabe. Dass er Kanzlerin Merkel angesichts ihrer Flüchtlingspolitik eine "Unfähigkeit zu lernen" im Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung attestiert – es gehört zum so wichtigen demokratischen Diskurs.

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Aber wer bitte ist der Bassam Tibi, der sich jetzt aktuell in der Basler Zeitung als "Syrer mit deutschem Pass...über die Unterdrückung meines Grundrechtes auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, die mir das deutsche Grundgesetz garantiert" beschwert? Über die "totale Verbannung meiner Person aus den deutschen Medien", die von 2002 nach der Veröffentlichung seines Buches "Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration" bis heute über ihn verhängt worden sei? "In Deutschland zwingen Politiker und Medien die Bevölkerung, ein Narrativ von einer Willkommenskultur zu übernehmen, wonach 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Nahost und Afrika ein Segen für Europa seien", fasst die BaZ in ihrer Onlineausgabe Tibis Essay "Ich weigere mich, zu schweigen" zusammen. Kann es sein, dass da ein großartiger, kluger Denker auf seine alten Tage Weinerlichkeit mit Argumentation verwechselt?

Schon ein Beitrag im Deutschlandfunk über Tibi ließ in diesen Tagen aufhorchen, als dort zu hören war, er bereue es, nicht in die USA ausgewandert zu sein. Warum tut er es nicht jetzt noch? Für manche Dinge ist es nie zu spät. Stattdessen in einer Schweizer Tagezeitung, zu deren Eignern der Rechtspopulist Christoph Blocher zählt, zu behaupten, normale deutsche Menschen dürften ihre Meinung nicht mehr frei äußern und sich als Opfer eines Psychoterrors hinzustellen, das gezwungen sei "wie einst meine jüdischen Lehrer Adorno und Horkheimer in die Schweiz zu flüchten" – das ist mehr als verwunderlich. Die "Flucht" wäre nicht nötig gewesen, Herr Tibi. Wenn Sie wollen – sagen Sie in diesem Blatt, was Sie denken. Aber bitte setzen Sie nicht dieses Deutschland mit dem zwischen 1933 und 1945 gleich. Das ist Ihrer unwürdig.

Autor: Alexander Dick