Kommentar

Der ökumenische Aufbruch im Lutherjahr blieb aus

Gerhard Kiefer

Von Gerhard Kiefer

Mi, 27. Dezember 2017 um 20:34 Uhr

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Auf protestantischer wie katholischer Seite agieren weiter die Skeptiker – aber der "Grundwasserspiegel der Freundschaft" steigt.

Für ökumenische Utopien steht Wolfgang Huber eigentlich nicht. Dennoch will der frühere Berliner Bischof und langjährige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sich "nicht vorstellen, dass der dritte Ökumenische Kirchentag 2021 wieder ohne gemeinsames Abendmahl stattfindet". Lässt sich das Haupthindernis für ein eucharistisch fundiertes Miteinander von Protestanten und Katholiken in so kurzer Zeit überwinden? Hat dafür das Lutherjahr 2017 den Weg bereitet? Oder enttarnt sich, so vielen ökumenischen Gebeten, Gedenkfeiern und Gottesdiensten zum Trotz, Hubers Hoffnung als Illusion?

Immerhin: Der Theologieprofessor hat gegen Hardliner und Protestanten, die das Lutherjahr gern zum Lutherhype hochgejubelt hätten, den Stellenwert des Reformators rechtzeitig relativiert. Auch die evangelische Kirche sei nicht erst von Martin Luther, sondern schon von Jesus Christus gegründet worden. Klartext wie dieser trug dazu bei, dass das EKD-Aktionsteam um Margot Käßmann die ökumenische Perspektive nicht aus den Augen verlor, als es die Menschen satte zehn Jahre lang für dieses Jubiläum zu motivieren versuchte. Und es irritierte die Protestanten nicht nachhaltig, dass die Katholiken der Publikation von Luthers Thesen 500 Jahre zuvor lediglich "gedenken", sie aber nicht ebenfalls "feiern" wollten.

Am eindrucksvollsten gelang der mit Bundespräsident und Kanzlerin hochrangig besuchte ökumenische Buß- und Versöhnungsgottesdienst im Dom zu Hildesheim. Noch vor dem Konzil wäre schwer vorstellbar gewesen, dass Protestanten wie Katholiken sich gegenseitig um Verzeihung bitten für all das, was sie sich jahrhundertelang angetan haben. Die Vorkommnisse reichen dabei von theoretisierenden Rechthabereien über Bannstrahlen bis hin zu Glaubenskriegen.

Doch das Fazit der Ökumene für dieses Jahr kann nicht ausblenden, dass es gegen diese Manifestation des Gemeinsamen auch Widerstand gibt. Protestanten beargwöhnen, dass sich Heinrich Bedford-Strohm, der EKD-Ratsvorsitzende, und Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz demonstrativ mitbrüderlich schätzen. Dass sie 2017 Israel gemeinsam besuchten, beide den Ökumenepreis der Katholischen Akademie in Bayern erhielten und beim Festakt in München gar als "Glücksfall für das Miteinander der Kirchen" geadelt wurden, geht manchen offenbar entschieden zu weit. Zumal Bedford-Strohm den – von Luther noch als Antichrist verteufelten – Papst 2017 gleich mehrfach traf und die Vatikan-Post eine Luther-Briefmarke herausgab.

Das lässt evangelische Skeptiker fürchten, von römischer "Umarmungsökumene" vereinnahmt zu werden. Doch in ihrer Sorge um das Profil ihrer Kirche übersehen sie, dass der vatikanische "Ökumene-Kardinal" Kurt Koch zwar weltweit präsent, aber stets ohne theologisches Kompromissangebot unterwegs ist und nicht missionieren will. Denn er folgt auch unter Papst Franziskus der Position des Papstes Benedikt XVI., über den Glauben könne man nicht verhandeln.

Ein gemeinsames Abendmahl 2021 wird es wohl nicht geben

Aber auch Reinhard Marx an der Spitze des deutschen Episkopats trifft auf Widerstand. Auf prominenten, denn der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki baut sich in der Ökumenefrage offenbar zum Kontrahenten seines Münchner Kollegen auf. Er lehnt gemeinsamen Religionsunterricht ab und konstatiert zwischen Katholiken und Protestanten eine "ethische Grunddifferenz", die er beispielsweise am Ja der EKD zur Ehe für alle festmacht. Mehrere Bischöfe sind offenbar nach wie vor nicht bereit, den protestantischen Partnern gemischtkonfessioneller Ehepaare die Hostie zu reichen. Ihr Veto verhindert zumindest in dieser Frage jene "mutigen Vorschläge", die Papst Franziskus auch von den deutschen Oberhirten erwartet. "Ein Skandal, der vom Kirchenvolk nicht mehr hingenommen wird", klagt konsterniert die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche".

Hat das Jahr 2017 nun jenen Beitrag "zu einer wirklich und sichtbaren Einheit" geleistet, wie Kardinal Marx ihn erhofft hat? Eher nein. Ist wenigstens der "Grundwasserspiegel der Freundschaft gestiegen", wie er inzwischen bescheidener glaubt? Eher ja. Wer dem Lutherjahr eher skeptisch entgegensah, verbucht erleichtert, dass es konfliktfrei geblieben ist. Und dass wenigstens atmosphärisch etwas Gemeinsamkeit gewachsen ist.

Doch jede zeitnahe ökumenische Zuversicht blockt Marx entschieden ab. Und er weicht, mit Wolfgang Hubers eingangs zitierter Erwartung eines gemeinsamen Abendmahls schon in Frankfurt 2021 konfrontiert, ebenso ausgreifend wie desillusionierend aus: "Ich möchte mir nicht vorstellen, dass das 21. Jahrhundert vergeht, ohne dass wir die Einheit in Verschiedenheit haben." Die pastorale Praxis eilt diesem Ziel freilich schon jetzt weit voraus.