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09. Oktober 2013

Ein Kartell der Vertuscher und Verschweiger

Die radioaktive Gefahr von Fukushima besteht mindestens noch ein Jahrzehnt, doch die Firma Tepco ist nicht gerüstet.

Schon wieder ist radioaktiv verseuchtes Wasser im japanischen Fukushima entdeckt worden -– ein Fluch ohne Ende. Zudem wurde der Betrieb eines Filtersystems nach Alarmsignalen abgeschaltet. AKW-Betreiber Tepco musste zugeben, dass am havarierten Atomkraftwerk erneut strahlenbelastete Flüssigkeit aus einem überfüllten Tank ausgetreten und in den Pazifik geflossen ist. Wie stark die Strahlenwerte diesmal sind, ist laut Tepco noch unklar. Noch dazu erschütterte am vergangenen Freitag erneut ein schweres Erdbeben der Stärke 5,3 die Präfektur Fukushima, das Epizentrum lag nur 177 Kilometer von Tokio. Außerdem wurden Risse an den Abluftkaminen von zwei Fukushima-Reaktoren entdeckt, die sich in einem Bereich hoher Strahlenintensität befinden.

Bisher behauptet der Atombetreiber Tepco wie stets nach solchen Vorfällen, es gäbe in der AKW-Ruine weder radioaktive Strahlen noch andere Anomalien. So oft, wie dieser Energieriese in den vergangenen Jahren schon gelogen hat, ist dieses Statement alles andere als eine Garantie. Fest steht, die Atomruine wird noch lange eine strahlende Gefahrenquelle darstellen. Zumindest das radioaktive Wasserdrama "wird noch ein Jahrzehnt bestehen bleiben", sagte der frühere Chef der US-Atomaufsichtsbehörde, Dale Klein, jüngst dem Spiegel.

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Ohne ständige Wasserkühlung lässt sich die Kernreaktion nicht unter Kontrolle halten. Tepco leitet täglich etwa 400 Tonnen von oben in die Reaktorskelette, um auf Betriebstemperatur abzukühlen. Die Crux ist, dass die hochbelastete Brühe wieder an die Oberfläche zurückgepumpt und in Tanks für die Entsorgung zwischengelagert werden muss. Mehr als 1000 Tanks wurden inzwischen mit Kühl - und Grundwasser gefüllt. Die meisten Auffangbehälter wurden hastig aufgebaut und nicht immer hält die Abdichtung. So führten Lecks schon mehrfach zum Austritt gewaltiger Mengen radioaktiv kontaminierten Materials und erst kürzlich zu einem "ernsten Störfall", wie die japanische Atomaufsicht die Lage einstuft. Die Atomflüssigkeit sammelt sich in Pfützen, dringt ins Erdreich und fließt allmählich in den Pazifischen Ozean. An einigen Stellen wurde vor wenigen Tagen ein Höchstwert von 2200 Millisievert pro Stunde gemessen – diese Dosis würde eine ungeschützte Person innerhalb weniger Stunden töten.

Bisher agierten Betreiber Tepco aber auch die japanische Atomaufsicht hilflos bis leichtsinnig. Sie taumeln von "Krise zu Krise", wie Klein einschätzt. Der amerikanische Nuklearspezialist fordert Japan deshalb auf, "eine neue Firma zu gründen, die sich mit dem Wissen internationaler Experten um die Aufräumarbeiten kümmert". Bisher weigert sich die Tokioter Regierung jedoch hartnäckig, ausländische Expertise anzunehmen. Klein, der immerhin von Tepco als "unabhängiger Berater" angeheuert wurde, kritisiert offen die Hilflosigkeit dieses Energiegiganten. "Sie wissen nicht was sie tun, sie haben gar keinen Plan."

Ein unterirdischer Eisring

soll das Areal abdichten

Nun hat aber Premier Abe wenigstens beschlossen, der überforderten Tepco mit 47 Milliarden Yen (rund 360 Millionen Euro) unter die Arme zu greifen. Damit soll ein unterirdischer Eisring gezogen werden, der durch Einfrieren des Bodens das radioaktiv kontaminierte Areal abdichtet. Diese Methode wurde bereits beim U-Bahn-Bau gegen eindringendes Grundwasser eingesetzt, noch niemals allerdings bei einem so großen Gelände. Deshalb ist auch hier Vorsicht geboten. Selbst Tepco äußert Bedenken und Zweifel. Vor allem ist durch bisheriges Zögern viel Zeit und Geld verschwendet worden. Dieser Tage deckten Japans Medien auf, dass es bereits vor zwei Jahren eine Geheimvereinbarung zwischen Tepco und der Regierung gab. Ein früherer Sonderberater des damaligen Premierministers Naoto Kan bezeugt darin, dass der Energieriese bereits 2011 das bindende Versprechen abgelegt hatte, unverzüglich Schutzwände gegen das radioaktive Wasser zu errichten. Die Zusage von Tepco jedoch wurde bis heute nicht eingehalten.

Der finanziell schwer angeschlagene Betreiber hatte zu jener Zeit die Regierung gebeten, auf eine Bekanntgabe der Wasserbedrohung zu verzichten, um den Konzern nicht durch weitere Unruhe an den Finanzmärkten in den Ruin zu treiben. An der Börse hätte es erhebliche Zweifel gegeben, ob Tepco die gigantischen Kosten stemmen kann. Die damalige Regierung befürchtete auch, dass eine Insolvenz die Zahlung von Entschädigungen für Betroffene der AKW-Havarie verhindern würde und selbst die Bezahlung der verbliebenen Kraftwerksbeschäftigten in Frage stellt. So einigte man sich darauf, den Bau der Wasserbarrieren als "mittel- bis langfristiges Ziel" zu bezeichnen. Japans linksliberale Zeitung Asahi Shimbun, die diesen Skandal maßgeblich aufdeckte, sieht darin ein "Kartell der Verschweiger, Vertuscher und Verhinderer".

Autor: Angela Köhler