Leitartikel

Extremismus als Bedrohung: Was Toulouse uns lehrt

Thomas Fricker

Von Thomas Fricker

Do, 22. März 2012

Kommentare

Reflexartige Reaktionen werden den Gefahren nicht gerecht

Das Bangen währte den ganzen Tag. Würde die französische Polizei den mutmaßlichen Serienmörder Mohammad Merah überwältigen können oder müsste man sich auf ein blutiges Finale gefasst machen? Eines, das die Tötung von sieben Menschen am Ende noch in den Schatten stellt? Während Spezialkommandos das Wohnhaus umstellt hielten, machten immer neue Informationen über Person und Umfeld Merahs die Runde. Klar ist, dass die Aufarbeitung des Geschehens von Toulouse Politik und Öffentlichkeit in Frankreich noch lange beschäftigen wird. Und nicht nur dort.

In Toulouse hat – bei aller Vorsicht angesichts der diffusen Faktenlage – sehr wahrscheinlich ein Anhänger radikaler Islamisten zugeschlagen. In Norwegen war es im Sommer des Vorjahrs ein fanatischer Islamhasser, der ein Blutbad anrichtete. Derweil quält sich die Bundesrepublik immer noch mit der vollständigen Aufklärung einer Mordserie, die auf das Konto dreier Neonazis ging. Drei Verbrechen, drei verschiedene Hintergründe und also auch drei verschiedene Schlussfolgerungen für den Umgang mit ihnen?

Letzteres trifft nun gerade nicht zu. Zu beobachten war und ist vielmehr stets der gleiche reflexhafte Mechanismus: Kaum sickert die politische, religiöse oder auch ideologische Prägung eines Täters oder einer Tätergruppe durch, formiert sich die Debatte in Politik und Öffentlichkeit anhand dieses Wissens. Wird ein Verbrechen von Rechten verübt, geraten Polizei und Verfassungsschutz gleichsam automatisch in den Verdacht der politischen Einäugigkeit, wenn nicht der klammheimlichen Sympathie. Tötet ein Feind des Islam, dient dies flugs als Beleg dafür, dass die Gefahr durch islamistischen Terrorismus aufgebauscht werde und man allen Muslimen Unrecht tue. Erscheint ein Täter – wie in Toulouse – erst als fremdenfeindlich und dann als antisemitisch, bevor sein religiöser Fanatismus bekannt wird, wechseln Zuschreibungen und Forderungen im Stundentakt.

Aber ist es wirklich hilfreich, wenn in Deutschland der Zentralrat der Muslime unter Verweis auf Toulouse eilends vor rechtsradikalen Nachahmungstätern warnt, während in Frankreich der rechtsradikale Front National denselben Fall zum Beweis für die Verharmlosung des islamistischen Fundamentalismus erklärt? So fern sich beide Organisationen stehen; es wird ihnen kaum Unrecht tun, wer beiden vornehmlich eigennützige Motive unterstellt: Das Grauen von Toulouse hat nun einmal beste Kampagnenqualität – so wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy es wie selbstverständlich einsetzt, um sich als bestürzter Landesvater und Law-and-Order-Mann zugleich zu inszenieren.

Über all das Geraune und Parolen-Getöse geht unter, worauf es wirklich ankäme: auf die Einsicht in Frankreich, in Norwegen, Deutschland und anderswo, dass unsere Demokratien verschiedenen Gefahren unterschiedlicher Natur ausgesetzt sind. Ja, es gibt bedrohliche rechte (und linke) Milieus. Und ja, es gibt eine militante islamistische Szene. Und es gibt unter ihnen womöglich vernetzte Gruppen ebenso wie Einzeltäter, deren Taten sich letztlich oft nur durch ihre krankhafte Psyche erklären lassen.

Es ist aber weder sinnvoll, immer nur in eine Richtung zu starren und den Rest zu verharmlosen oder gar zu leugnen. Noch führte es weiter, sähe man sich nur noch von Feinden umzingelt. Unsere offenen Gesellschaften sind immer dann am stärksten, wenn sie sich ihrer Schwächen bewusst sind, aber auch daran arbeiten, den eigenen Idealen nahezukommen. Freiheit, Gleichheit, Achtung der Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit – je höher wir diese Güter schätzen, desto besser sind wir gewappnet gegenüber Extremismus in jeder Form. Das sollten wir trotz allen verständlichen Schreckens über diesen Tag in Toulouse nicht vergessen.