Leitartikel

Kleidung landet schnell im Müll: Weggeben statt wegwerfen

Ines Alender

Von Ines Alender

Di, 24. November 2015

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40 Prozent der 5,2 Milliarden Kleidungsstücke in deutschen Schränken, hat eine Greenpeace-Studie ergeben, werden sehr selten oder nie getragen. Stattdessen finden viele von ihnen beim nächsten Ausmisten den Weg in den Müll.

Das hübsche Strickkleid, das neue Hemd und die unbeliebten Socken – sie werden auch in diesem Jahr wieder unter den Weihnachtsbäumen zu finden sein. Von dort geht’s ab in unseren Schrank. Die Kleidungsstücke werden unsere Sammlung wieder anwachsen lassen – und vielleicht nie den Weg an unsere Körper finden. 40 Prozent der 5,2 Milliarden Kleidungsstücke in deutschen Schränken, hat eine Greenpeace-Studie ergeben, werden sehr selten oder nie getragen. Stattdessen finden viele von ihnen beim nächsten Ausmisten den Weg in den Müll. Schließlich muss Platz her für Neues, Angesagteres, Stilvolleres. Kleidung ist zum Wegwerfartikel geworden.

Verwundern kann diese Feststellung nicht. Sie passt zu vielen anderen Trends unserer Gesellschaft. 82 Kilogramm Lebensmittel schmeißt der Deutsche im Jahr durchschnittlich weg, elektronische Geräte werden oft ausgetauscht, obwohl sie noch problemlos funktionieren. Machen wir uns nichts vor: Die meisten Deutschen leben – wie auch viele andere Europäer und Amerikaner – im Überfluss. Alles ist jederzeit überall erhältlich. Viel, zu viel, davon landet in der Tonne.

Nun kann man sich bereits über den Umstand empören, dass Menschen hierzulande so viel kaufen, dass sie überhaupt so viel wegschmeißen können. Laut Greenpeace haben deutsche Frauen im Durchschnitt 118 Kleidungsstücke (ohne Strümpfe und Unterwäsche), Männer 73 Teile im Schrank – das ist viel. Man kann auch darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, Kinder mit Spielsachen oder Kleidungsstücken zu überhäufen, sodass sie ein Übermaß von Beginn an gewohnt sind. Und man kann anprangern, dass das Bewusstsein, auch in einer Konsumgesellschaft Maß zu halten, immer mehr abhandenkommt. Allerdings: Es gehört zur Freiheit jedes Einzelnen, ganz alleine darüber entscheiden zu können, wofür er sein Geld ausgibt. Manche tun das für die teure Mietwohnung, andere für Autos und wieder andere eben für Kleidung. Das ist legitim.

Lohnender ist es, zu fragen, warum die Menschen so viel wegwerfen. Das sind wir denen schuldig, die unsere Kleidung in Bangladesch oder China unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren. Dass die von ihnen hergestellte Kleidung in Europa in oftmals gutem Zustand tonnenweise in den Müll wandert, muss in ihren Ohren wie blanker Hohn klingen. Zumal sich für die noch brauchbare Ware Alternativen anböten. Sie könnte gespendet, verkauft oder getauscht werden. Doch davon machen die Deutschen kaum Gebrauch: 83 Prozent haben noch nie Kleidung getauscht, über die Hälfte noch nie welche verkauft.

Dafür gibt es wohl einen banalen Grund: Kleidung zu tauschen oder sie auf Flohmärkten und im Internet zu verkaufen ist aufwendiger, als sie in den Müll zu stopfen. Selbst die Variante, die Kleidung zum Container um die Ecke zu tragen, scheint vielen zu umständlich. Das ist beschämend. Schließlich wären damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Der Müll würde reduziert und bedürftigen Menschen könnte geholfen werden. Mit dem Argument, dass unter den Container-Aufstellern schwarze Schafe auf schnelles Geld lauern, lässt sich das Meiden der Spendenvariante nicht entschuldigen. Inzwischen dürfte bekannt sein, dass Container seriöser Hilfsorganisationen die richtige Adresse sind.

Manchmal helfen besondere Situationen im Leben, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden. Hat man kleine Kinder, wird man regelrecht hineingespült ins Flohmarkt- und Second-Hand-Geschäft für Kinderklamotten. Schlicht deshalb, weil es kaum finanzierbar ist, für die Kleinen alles neu zu kaufen. Andere engagieren sich derzeit stark für die Flüchtlinge und organisieren gebrauchte Kleidung für sie. Es gibt viele Varianten, sich dem Trend zur Wegwerfgesellschaft zu widersetzen. Wir sollten sie nutzen.