Kommentar

Sexueller Missbrauch: Der Papst versagt beim wichtigsten Thema

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Di, 23. Januar 2018 um 18:42 Uhr

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Kluft im Pontifikat: Papst Franziskus wird als Reformer wahrgenommen, doch beim wichtigsten Thema, dem sexuellen Missbrauch, versagt er.

An diesem Montag ist Papst Franziskus von seiner jüngsten Lateinamerikareise nach Rom zurückgekehrt. Auf seiner einwöchigen Fahrt nach Chile und Peru widmete sich der Papst unter anderem indigenen Völkern im Amazonas-Gebiet und der Bedrohung ihrer Lebensräume. Er verurteilte gewalttätige Machokultur, bezeichnete die Korruption als "Virus" Lateinamerikas und sprach den Opfern einer Flutkatastrophe Mut zu. Besondere Aufmerksamkeit zog Franziskus auf sich, als er einer vom Pferd gestürzten Polizistin in Chile persönlich zur Hilfe eilte und angeblich spontan ein Paar von Flugbegleitern im Flugzeug traute. Wie sich herausstellte, hatte das Paar bereits im Dezember öffentlich den Wunsch geäußert vom Papst im Flugzeug den Ehe-Segen gespendet zu bekommen. So kam es dann auch. Die Wirklichkeit stellt sich oft ein wenig anders dar, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Das gilt auch für das Thema des sexuellen Missbrauchs. Gleich zu Beginn seiner Fahrt hatte sich der Papst in Santiago de Chile öffentlich bei Betroffenen entschuldigt, die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Mitglieder des katholischen Klerus geworden sind. Diese Geste war aufsehenerregend. Besonders in Chile ist das Thema nach zahlreichen Missbrauchsskandalen virulent. Als es aber um einen konkreten Fall ging, nämlich die Vorwürfe gegen den von Franziskus 2015 ernannten Bischof von Osorno, Juan Barros, zeigte sich der oft so mild erscheinende Papst besonders rigoros. Als ihn eine Reporterin im chilenischen Iquique nach dem Bischof fragte, antwortete Franziskus unüblich scharf: "Es gibt keinen einzigen Beweis gegen ihn. Das ist alles Verleumdung. Ist das klar?"

Mitarbeiter des Papstes kennen diesen autoritären Zug Jorge Bergoglios. Selbstkritisch berichtete Franziskus einst von seinem umstrittenen Führungsstil und seinen Fehlern in der Vergangenheit. Auch diesmal entschuldigte er sich am Montag auf dem Rückflug bei den Betroffenen, allerdings nur wegen seiner Wortwahl. Der Papst fügte hinzu, er persönlich habe zweimal das Rücktrittsgesuch des betroffenen Bischofs abgelehnt.

In dem allgemeinen Wohlwollen, das sich der Papst durch seinen unkonventionellen Stil erarbeitet hat, geraten diese Schattenseiten leicht in Vergessenheit. Zwar wäre es gewagt zu behaupten, Papst Franziskus habe mit einem Satz den Erfolg seiner Lateinamerikareise kompromittiert. Aber es war vor allem diese Äußerung, die hängengeblieben ist.

Drei Betroffene, die der Papst so als Verleumder brandmarkte, schildern hingegen, Barros sei Zeuge gewsen, wie der einschlägig bekannte und 2011 vom Vatikan suspendierte Täter Fernando Karadima sie missbraucht hätte. Der vom Papst beförderte Bischof sei ein enger Vertrauter des Täters gewesen.

Vatikanbeobachter erklären sich die Schärfe der Worte des Papstes mit dessen persönlicher Freundschaft zu zwei chilenischen Kardinälen, Francisco Javier Errázuriz, Mitglied im neunköpfigen Kardinalsrat des Papstes, und Ricardo Ezzati, Erzbischof von Santiago de Chile. Die drei Betroffenen haben die Diözese wegen Schadensersatz verklagt, weil deren Leiter den Missbrauch gedeckt hätten, und liegen im Streit mit den Kardinälen.
Eine falsche Loyalität

zu alten Freunden

Es tut sich eine Kluft im Pontifikat auf. Einerseits ist da ein Kirchenführer, der den Katholizismus aus seiner weltfremden Starre zu befreien scheint, der Menschlichkeit, die Bewahrung der Schöpfung und soziale Gerechtigkeit in das Zentrum seiner Seelsorge stellt. Andererseits ist da ein Papst, der die Loyalität zu alten Freunden über das Wohl von Menschen stellt, die Opfer von Straftaten geworden sind. Die Reden gegen Gewalt, gegen Machokultur und Korruption werden so zu Makulatur. Franziskus steht am Rand zur Unglaubwürdigkeit. Denn wie ernst die Kirche das Thema Missbrauch nimmt, ist mitentscheidend für ihre Zukunft. Das wissen auch die Verantwortlichen im Vatikan. Deshalb ist am Wochenende der engste Mitarbeiter des Papstes in Sachen Missbrauch auf klare Distanz zu seinem Vorgesetzten gegangen.

Kardinal Sean O’Malley, Erzbischof von Boston und Vorsitzender der Kinderschutz-Kommission im Vatikan, teilte mit, er wisse nicht, warum Franziskus im Fall Barros diese Worte gewählt habe. Es sei verständlich, dass die Äußerungen großen Schmerz bei den Opfern sexuellen Missbrauchs auslösten. Worte, die die Botschaft verbreiteten "Wenn du die Anschuldigungen nicht beweisen kannst, wird dir nicht geglaubt" ließen diejenigen im Stich, die verwerfliche kriminelle Verletzungen ihrer Menschenwürde erlitten hätten und verurteilten sie zu Unglaubwürdigkeit, hieß es in einer Erklärung O’Malleys. Noch nie wurde ein Papst beim Thema Missbrauch von hohen Mitarbeitern öffentlich derart in die Schranken gewiesen. Das einzige Positive daran ist, dass diese Kritik heute möglich ist.