Legale Prostitution: Eine Frage des Blickwinkels

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Mi, 01. Februar 2012

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Studie über Menschenhandel entfacht erneut Diskussion über die Legalisierung von Prostitution.

Die Bilanz ist ernüchternd: In Ländern mit legaler Prostitution gibt es mehr Menschenhandel. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Europäischen Kommission, die 150 Länder miteinander vergleicht. In Deutschland ist Prostitution seit zehn Jahren erlaubt. Mit den Zuständen zufrieden ist aber niemand.

Während manche das hiesige Prostitutionsgesetz im Kern für sinnvoll, aber verbesserungsbedürftig halten, blicken andere nach Schweden. Dort ist Prostitution verboten und der Menschenhandel über sechs Mal geringer als in Deutschland – im Verhältnis zur Bevölkerung. Letztlich geht es darum, wer eine Prostituierte eigentlich ist. Eine selbstbestimmte Frau oder ein misshandeltes Wesen? Mit einem Verbot trifft man im Zweifelsfall Erstere. Und Letztere gerät in die Unterwelt oder wird in andere Länder verschleppt.

Unstrittig ist: Die Ziele der rot-grünen Bundesregierung waren hehre, als sie 2002 das Prostitutionsgesetz erließ. Prostituierte sollten mehr Rechte haben und sich versichern können. Doch die wenigsten nutzen diese Möglichkeiten. Warum? "Weil man Prostitution anerkannt hat, ohne sie zu entkriminalisieren", sagt Juanita Henning von Doña Carmen. Der Verein setzt sich für soziale und politische Rechte von Prostituierten ein. Und es stimmt: Das Gewerbe ist anderen Berufen nicht gleichgestellt. Es gibt Sonderregelungen im Straf-, Ordnungs- und Aufenthaltsrecht. Freiberufliche Prostitution ist kein Gewerbe im Sinne der Gewerbeordnung. Es gibt Sperrgebiete. Doña Carmen fordert einen zweiten, weniger halbherzigen Anlauf für die Legalisierung.

Der Verein Solidarität mit Frauen in Not – der Name verrät es schon – sieht die Sache ganz anders: Das Gesetz verklärt Prostitution zu einem normalen Beruf. Von der Legalisierung profitieren nur Zuhälter, die jetzt mit Sex-Flatrates werben können. Denn Bordelle dürfen als Gewerbe angemeldet werden. In diesem Weltbild geht niemand freiwillig anschaffen. Die rechtliche Aufwertung der Prostitution erschwert der Polizei nur ihre Arbeit. Das Frauenhilfswerk beschwört das Vorbild Schweden. Dort ist nicht der Verkauf, sondern der Kauf von Sex verboten. Kriminalisiert werden die Freier.

Zwei Blickwinkel, die nicht miteinander vereinbar sind. Ihnen zugrunde liegt die Frage: Ist Prostitution ein Übel oder ein Beruf? Wer an minderjährige Sexsklavinnen aus Osteuropa denkt, verlangt schnell ein Verbot. Wer in käuflichem Sex eine legitime Dienstleistung sieht, fordert dafür rechtliche Stärkung. Beide Sichtweisen sind berechtigt. Doch haben Verbote meist Nebenwirkungen. Als im Spanien der 50er Jahre Prostitution verboten wurde, nahmen sexuelle Übergriffe zu, und die Lage der Prostituierten war prekär. Auch die Kriminalisierung der Freier in Schweden hat einen Haken. Nicht wenige schwedische Männer reisen als Sextouristen in die baltischen Nachbarländer. Und verlagern das Problem dorthin.