Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. September 2008

Leitartikel: Alles vereint

Von Niklas Arnegger

Längst sind die Vereinskassierer entlastet, die Präsidenten bestätigt, die Ehrenmitglieder mit ebensolchen Nadeln ausgezeichnet. Es wurde gedankt und gelobt. Auch waren Klagen zu hören, der Nachwuchs bleibe aus und der Zusammenhalt schwinde. Zwar sagen die Statistiken wenig über das Vereinsleben aus, weil sie die Karteileichen ebenso zählen wie die Aktiven. Dennoch sind die Zahlen beeindruckend: Über 500 000 Vereine gibt es in Deutschland. Fast jeder Erwachsene ist irgendwo Mitglied – häufig in mehreren Vereinen.

Die Nachfrage ist hoch, das Angebot auch, und hoch ist auch die Bereitschaft, sich im Verein zu engagieren. Davon zeugen Millionen Ehrenamtliche, von denen in dieser Woche des bürgerschaftlichen Engagements die Rede sein wird. Nur: Genaues weiß man nicht. Denn über die Vereine, so präsent sie sind, ist wenig bekannt. Und Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind sie so gut wie nicht. Erstaunlich. Dabei ist da nichts geheim: Die Vereinsregister sind schließlich öffentlich.

Angeblich ist die Zahl der Neugründungen derzeit höher als die der Schließungen, angeblich wächst insgesamt auch die Zahl der Mitglieder – 70 Millionen Deutsche sollen es mit Mehrfachmitgliedschaften sein –, angeblich drängen sogar immer mehr Jugendliche in einen Verein. Doch kann man jederzeit auch das Gegenteil erfahren, dann nämlich, wenn Vereine verschwinden.

Werbung


Die modernen Vereine sind im 18. Jahrhundert als bürgerliche Bewegung und Bestandteil der Aufklärung entstanden – demokratisch, stände- und berufsübergreifend und im Prinzip überkonfessionell. Sie spezialisierten sich immer mehr, bis kein gesellschaftlicher Winkel mehr vereinslos blieb. Und sie spiegeln den gesellschaftlichen Wandel. Das ist bis heute so. Darum auch sind viele Vereine in der Krise, andere entstehen neu.

Die Kritik am Verein als Hort des lokalpolitischen Klüngels, des Miefs, der Bürokratie und der Ehrenkäserei ist alt, und unberechtigt war sie nie. Zu bekannt ist die Figur des Vereinspräsidenten, der jahrzehntelang meint, ohne ihn gehe es nicht. Präsident mit Aussicht auf die Goldene Ehrennadel des Dachverbands – das überdeckt vielleicht manches Defizit an beruflicher oder gesellschaftlicher Bedeutung. Sowieso schlummert eine Tendenz zur Nabelschau in jeder gesellschaftlichen Gruppe, also auch im Verein – und noch vereinsmeierischer in den Dachverbänden.

Schwierigkeiten bekommen die Vereine, die nicht merken, dass sich draußen etwas ändert. Ein Wanderverein, der die Mountainbiker nicht als Chance begreift, sondern als Konkurrenten, hat einen Wandel verschlafen. Dagegen schaffen es viele der ebenso traditionellen Blasmusikvereine, Jugendliche zu gewinnen – da stimmt die Musik. Doch die Trends wechseln immer schneller. Für Vereine ist es schwer, da mitzuhalten.

Nach wie vor sind Vereine wichtiger Bestandteil des "Dritten Sektors", der Staat und Wirtschaft ergänzt. Vereine stellen Güter und Leistungen zur Verfügung, und zwar häufig nicht nur für ihre Mitglieder, sondern für viele andere. Sie leisten dies dank ehrenamtlicher Arbeit billig und sie binden ihre Mitglieder ein. Das ist eine große soziale Leistung. Doch schwindet die Kraft, nicht nur die eigene Truppe, sondern auch das Gemeinwesen zusammenzuhalten. Die flotte Gospelgruppe begleitet eben nicht mehr wie der alte Gesangverein das ganze Dorf von der Wiege bis zur Bahre. Und die Zugezogenen suchen am neuen Wohnort zunächst keine Heimat im Verein, sondern billiges Bauland. Eindeutig ist ein Trend zur Kommerzialisierung. So machen Fitnessstudios dem Sportverein Konkurrenz. Doch auch viele Vereinsmitglieder verhalten sich wie Konsumenten, die eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen. Darauf muss die Vereinsführung reagieren – mit gutem Management, mit der Suche nach Sponsoren und Jugendtrainern. Leicht ist das nicht.

Es macht die Sache nicht einfacher, dass die alte Vereinsfamilie ihre Funktion als lebenslange, generationenübergreifende Institution verliert. Typisch für viele neue Vereine ist, dass sie – Bürgerinitiativen, Frauen-, Umwelt-, Friedens- und Selbsthilfegruppen – auf Zeit angelegt sind. Es sind Lebensabschnittsvereine. Doch mancher Verein glaubt an sein ewiges Leben, und das ist ein Irrtum. Oft ist es schade, wenn ein Verein stirbt. Aber manchmal auch unvermeidbar.


Autor: dpa