Leitartikel

Religion und Politik: Der Glaube ist Privatsache

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Mi, 18. Mai 2016 um 10:41 Uhr

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Die Wahl von Muhterem Aras ist ein Symbol – eines mit Nebenwirkung: Aras ist Baden-Württembergs neue Landtagspräsidentin. Und sie ist Muslimin. Doch spielt das eigentlich eine Rolle? Ein Leitartikel von Franz Schmider.

Bei Klaus Wowereit, dem ehemaligen Berliner Bürgermeister, war die Sache einfach: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Ein Bekenntnis, in dem etwas sehr privates, intimes, nach außen gekehrt wird, ein Statement, was einem wichtig ist, ein Tabubruch, der befreiend wirken soll – auch für andere. Es gibt weitere Politikerinnen und Politiker, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, dies aber für sich behalten. Weil ihnen andere Dinge wichtiger sind, weil sie sich nicht reduzieren lassen wollen. Und auch das ist gut so.

Muhterem Aras heißt die neue Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, und sie sagte vor Jahren dem Magazin der Islam-Konferenz, Religion habe in ihrer Familie nie eine große Rolle gespielt, sie spiele bis heute in ihrem Alltag keine Rolle. Muhterem Aras ist Alevitin, eine sehr tolerante Richtung des Islam. Aras’ Kinder besuchen in Stuttgart den christlichen Religionsunterricht.

Öffentliche Wahrnehmung der Religionszugehörigkeit ist unterschiedlich

Aras selbst sah in ihrer Wahl in das formal zweithöchste Amt im Bundesland in mehrfacher Hinsicht ein Symbol: eines für die gelungene Integration einer aus Anatolien stammenden Familie in die deutsche Gesellschaft; eines für den sozialen Aufstieg eines Gastarbeiterkindes über Bildung. Und eines für die Gleichstellung der Frau. Immerhin ist Aras die erste Landtagspräsidentin. In der öffentlichen Wahrnehmung freilich wird die Wahl in einem anderen Sinn als symbolischer Akt wahrgenommen: Muhterem Aras ist die erste Muslimin in diesem Amt. So wie bei Sadiq Khan, dem neuen Bürgermeister von London. Unbeachtet bleibt dabei, dass Khans Konkurrent jüdische Wurzeln hat – und Brigitte Lösch, die innerparteiliche Mitbewerberin von Muhterem Aras, evangelisch ist.

Es gibt Gründe für die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung zum Beispiel der Religionszugehörigkeit. Da ist die Abweichung, die Differenz zum vermeintlich Normalen. Dass ein Amtsträger Christ ist, ist so betrachtet so wenig einer Erwähnung wert wie die Tatsache, dass man sich hererosexuell orientiert. Wichtig wird die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft heute nur noch als Selbstbekenntnis. Winfried Kretschmann ist engagierter Katholik, Katrin Göring-Eckart war Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Bundespräsident ist Theologe.

Es gibt weder ein Schweigegebot noch ein Redeverbot

Es gibt auch andere Katholiken oder Protestanten in öffentlichen Ämtern, die ihre religiöse Überzeugung nicht wie eine Monstranz vor sich her tragen. Das müssen sie auch nicht, es gibt in der Bundesrepublik weder ein Schweigegebot noch ein Redeverbot. Wem das Privatleben – und das Bekenntnis zu einem Glauben gehört dazu – für das eigene Selbstverständnis nicht wichtig ist, der muss sich darauf nicht beziehen. Dieser Grundsatz wird indes Christen, Konfessionslosen oder Atheisten zugestanden – weit weniger selbstverständlich können sich Muslime darauf berufen. Die Neigung ist groß, Menschen mit Migrationshintergrund auch nach ihrer Religionszugehörigkeit zu kategorisieren. Diese Tendenz gibt es – aus ganz anderen Gründen – auch für Juden.

Natürlich hat die Wahl von Muhterem Aras auch mit dem Einzug der AfD in den Landtag zu tun. Sie war ein Bekenntnis der Landtagsmehrheit gegen die neue Partei, die in ihrem Programm erklärt: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber so wünschenswert diese symbolische Geste als politisches Signal in die eine Richtung ist, sie hat auch eine Nebenwirkung. Denn damit wird das private Bekenntnis zu einem Glauben zu einer Kategorie in der politischen Debatte. Und das ist das Gegenteil dessen, was derzeit nötig ist. Die Politik braucht gerade keine Glaubensbekenntnisse, sondern differenzierte Analyse, keine Welterklärungsmodelle, sondern pragmatische Lösungen, keinen Kulturkampf, sondern demokratische Haltung.

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