Söhne der Elite missbrauchen Töchter der Opposition

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 03. März 2016

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BZ-GASTBEITRAG: Helga Dickow über den Tschad, wo eine Vergewaltigung zu Protesten gegen den Präsidenten geführt hat.

Am 8. Februar 2016 wurde die 16-jährige Schülerin Zouhoura in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, von fünf Mitschülern entführt und vergewaltigt. Das Mädchen überlebte, sie erzählte trotz Warnungen ihrer Peiniger ihren Eltern von dem Missbrauch. Daraufhin stellten die jungen Männer die von ihnen aufgenommenen Fotos der Vergewaltigung in die sozialen Netzwerke. Der Tschad befindet sich seitdem im Aufruhr.

In den großen Städten fanden Demonstrationen statt, angeführt von aufgebrachten Schülerinnen und Studentinnen. Die Sicherheitskräfte gingen mit Gewalt gegen die Demonstranten vor; in N’Djamena wurde ein junger Mann erschossen. Die Schulen im ganzen Land schlossen für drei Tage, der Sicherheitsminister erklärte das "Festival der Unordnung" für beendet. In den sozialen Netzwerken schlug die Empörung und Mobilisierung aber weiter hohe Wellen. Daraufhin wurde der Zugang gesperrt.

Warum ist die Bevölkerung so aufgebracht? Die Vergewaltiger sind Söhne der Führungselite aus der herrschenden Ethnie der Zaghawa, Söhne von hohen Militärs und der Sohn des Außenministers. Seit Jahren wird unter der Hand darüber gesprochen: Die Führungselite des Tschad und ihre Söhne missbrauchen Töchter von Oppositionellen oder junge Mädchen, die sie auf Grund ihrer helleren Hautfarbe für besonders begehrenswert halten. Zouhouras Vater ist zwar Mitglied der Regierungspartei Mouvement Patriotique du Salut, aber er hat sich als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen aufstellen lassen.

Der Mut der jungen Frau, öffentlich über die Vergewaltigung zu sprechen, verhinderte ein Totschweigen des Verbrechens wie bei ähnlichen vorangegangenen Fällen. Zouhoura wird im Tschad als Heldin gefeiert. 18 Frauen haben sich ebenfalls als Vergewaltigungsopfer gemeldet. Die fünf Täter sind verfassungswidrig in einem Gefängnis außerhalb N’Djamenas untergebracht, man munkelt von einer Ausreise in die Golfstaaten. Nach islamischem Recht müssten die Täter gesteinigt, nach tschadischem Recht verurteilt werden.

Die Rechtlosigkeit, unter der die Bevölkerung tagtäglich leidet, wird ihr gerade besonders deutlich vorgeführt: Für Zaghawas gilt oft Straflosigkeit, Mitglieder der anderen ethnischen Gruppen oder aus der Opposition indes landen schnell im Gefängnis, selbst wenn sie nur ihre in der Verfassung verankerten Rechte einfordern.

Das Verbrechen kommt für Präsident Idriss Déby-Itno zu einem denkbar unpassenden Zeitpunkt. Er ist seit 1990 an der Macht und stellt sich am 10. April dieses Jahres erneut zur Wahl. Bislang zweifelte niemand an seinem erneuten Sieg. In der Vergangenheit konnte Déby einen Großteil der muslimischen Bevölkerung hinter sich sammeln oder sie stimmte zumindest nicht gegen ihn. Aber eine von Zaghawa verübte Vergewaltigung bringt, auch wenn er sie verurteilt, traditionelle Muslime aufs Heftigste gegen ihn auf, wie in den sozialen Netzwerken nachzulesen ist. Militärs wollen demissionieren, die Regierung und die Gruppe der Zaghawas werden lauthals beschimpft. Auf einmal scheint niemand mehr Angst zu haben, sich öffentlich zu äußern.

Die Bevölkerung des Südens, traditionell mehrheitlich Christen, wurde unter der Regierung Déby mehr und mehr marginalisiert. Aus ihren Kreisen kommt die schwache politische Opposition. Koalitionen zwischen Süd und Nord waren bislang nicht wirklich vorstellbar. Das scheint sich gerade zu ändern. Die Rechtlosigkeit und die gravierende Armut – nur die herrschende ethnische Gruppe hat Zugriff auf den Reichtum des Landes – treffen alle. Die Regierung Déby sieht ihren sicher geglaubten Wahlsieg in Gefahr und reagiert außerordentlich repressiv. Der Machtwechsel in Burkina Faso kurz vor den Wahlen ist hier allen präsent.

Ein anderes Szenario scheint aber auch möglich. Der Tschad ist umgeben von islamistischen Terrormilizen: Boko Haram in den Nachbarstaaten Nigeria, Kamerun und Niger, der IS in Libyen. Schlafende Zellen von Boko Haram sollen sich im Tschad aufhalten. Beobachtern scheint es durchaus vorstellbar, dass Teile der frustrierten muslimischen Bevölkerung sich den islamistischen Extremisten zuwenden – nicht aus Überzeugung, sondern um sich der Zaghawa zu entledigen und endlich wieder ein gewisses Maß an Ordnung herzustellen, auch wenn die den Namen Scharia tragen würde. Die islamistischen Kräfte hätten dann ein leichtes Spiel von Libyen bis in die Zentralafrikanische Republik, von Mali bis Somalia. Der Fall Zouhoura könnte also weitreichende Folgen haben für den afrikanischen Kontinent.