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06. Juli 2011

Stagnation beim Konsum: Der falsche Aufschwung

BZ-GASTBEITRAG: Heiner Flassbeck beklagt eine Stagnation beim Konsum / Er fordert ein stärkeres Wachstum der Löhne.

Es gibt Meldungen, die lieben die Medien in Deutschland über alles. Wenn ein Heidelberger Juraprofessor die älteste und unsinnigste aller Steuerreformideen wieder einmal aus dem Schrank holt, überschlagen sich die "Leitmedien" und erklären dem erstaunten Publikum, dass es doch noch möglich ist, die Welt zu retten. Wenn dagegen eine Meldung über die Ticker läuft, die eindeutig zeigt, dass von Aufschwung in Deutschland und in der Welt eigentlich nicht die Rede sein kann, schaut man lieber mal kurz weg und konzentriert sich auf die nächste positive Nachricht.

So geschieht das in Deutschland regelmäßig mit einer der wichtigsten Zahlen, die es überhaupt für eine Volkswirtschaft gibt, den Umsätzen des Einzelhandels. Während diese Zahl in den USA als Schicksalszahl gilt und entsprechend gefeiert oder beweint wird, ignoriert man sie hierzulande weitgehend und kommentiert lieber ausführlich die notorisch irreführenden Meldungen verschiedener Konsumforschungsstellen über die "Stimmung" der Konsumenten.

Das ist kein Zufall, sondern hat System, weil die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes einem in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt nur die Tränen in die Augen treiben kann. Wenn man die inflationsbereinigten Einzelhandelsumsätze in Deutschland im Jahre 1998 gleich einhundert setzt und sie von dort an über alle Jahre bis heute weiterverfolgt, liegt man immer in der Größenordnung von einhundert und fast nie darüber. Der Konsum stagniert also. Die Krönung dieses Tiefgangs aber ist, dass man im Mai 2011 (bei den von der Bundesbank kalender- und saisonbereinigten Werten) bei sage und schreibe 93 landet, das ist tatsächlich der tiefste Wert seit 1998. Nach zwei sogenannten wirtschaftlichen Aufschwüngen und mitten in einem XXL-Boom also haben die Menschen in Deutschland in der Masse so wenig Geld in der Tasche, dass sie weniger beim Einzelhandel kaufen als jemals zuvor in den vergangenen 13 Jahren. Das ist nicht nur traurig, das ist ein Skandal, weil die deutsche Politik im Ausland und in den europäischen Partnerländern den Eindruck erweckt, der deutsche Aufschwung sei auch von der Inlandsnachfrage getrieben und Deutschland sei gar die ökonomische Lokomotive in Europa.

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Es kann aber keiner die Lokomotive sein, der nur auf die Nachfrage der anderen wartet, selbst aber den Geldbeutel nie aufmacht. Für die Welt insgesamt gibt es nämlich keinen Export, da gibt es nur Konsum und Investitionen, die die Wirtschaft beleben können. Da die Unternehmen aber nur investieren, wenn sie Nachfrage haben oder erwarten, ist der Konsum die entscheidende Stellschraube für die gesamte Weltwirtschaft.

Wenn die Masse der Konsumenten jedoch überall auf der Welt in eine Erwartungshaltung getrieben wird, wonach sie nichts an zusätzlichem Einkommen zu erwarten hat, dann kommt genau dieses Nichts auch für die Entwicklung der Weltwirtschaft heraus. Bedanken darf man sich dafür bei der berühmten "Flexibilisierung der Arbeitsmärkte", die in den letzten Jahrzehnten das vorherrschende Dogma war. Steigt nämlich einmal die Arbeitslosigkeit, aus welchen Gründen auch immer, wird der Druck auf die Arbeitnehmer übermächtig, Lohneinbußen hinzunehmen. Genau das aber macht die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung zunichte, wenn nicht der Staat mit neuen Schulden Nachfrage schafft.

Da Export und Exportförderung keine Lösung für alle Länder sind und eine neue globale wirtschaftliche Stagnation mit all ihren Folgen vermieden werden muss, hat die Politik gerade in Ländern wie Deutschland eine völlig neue Aufgabe: Sie muss hasenfüßigen Gewerkschaftlern erklären, dass Deutschland Vorreiter in Sachen Konsum und Binnennachfrage sein muss, wenn die weltweite Gleichung für den Aufschwung tatsächlich aufgehen soll. Davon aber ist derzeit wenig zu sehen.

Maß halten ist nur auf dem Oktoberfest erlaubt

Der Wirtschaftsminister der Nachkriegsjahre und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard wusste noch, was seine Aufgabe ist: Bei überschäumendem Lohn- und Konsumwachstum erklärte er den Deutschen zu Recht, dass Maß halten das Gebot der Stunde war. Der neue Erhard muss den Bürgern erklären, dass bei anhaltender Lohn- und Konsumschwäche Maß halten nur auf dem Oktoberfest erlaubt ist.

– Der Autor ist Chefvolkswirt bei der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Von 1998 bis 1999 war er Staatssekretär im Finanzministerium unter Oskar Lafontaine.

Autor: flb