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02. Juli 2011

Leitartikel

Streit um Organspende : Nur eine Scheinlösung

Es ist absurd, Bürgerämter damit zu betrauen, Organspender zu finden

"Es muss rasch etwas geschehen", sagt der hessische Gesundheitsminister Stefan Grüttner mit Blick auf das Thema Organspende. Das klingt verdächtig nach Politikeraktionismus. Und das ist es leider auch. Zu allem Überfluss beteiligen sich daran nicht nur die Gesundheitsminister aller Länder, sondern auch Bundespolitiker wie Volker Kauder (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD). Sie alle werfen sich auf ein Anliegen, dem mit Aktionismus überhaupt nicht gedient ist – dem Anliegen, "wie wir in Deutschland zu mehr Spenderorganen kommen können" (Kauder).

Um dies zu erreichen, treten die Minister sowie die Chefs der Bundestagfraktionen von CDU/CSU und SPD für eine so genannte Entscheidungslösung ein. Einmal im Leben soll jeder mit der Frage konfrontiert werden, ob er bereit ist, nach seinem Tod Organe zu spenden und damit das Leben eines Schwerkranken zu retten oder sein Leid zu lindern. Wie dies genau aussehen soll, lassen die Anhänger der "Entscheidungslösung" offen. Nur der vage Hinweis, dass dies erfolgen könne, wenn man einen Reisepass oder den Führerschein abhole, ist von ihnen zu hören. Nun sind die Einwohnermeldeämter und die Bürgerämter gewiss wichtige Behörden. Die Vorstellung, dass sie geeignete Gesprächspartner bei einer zutiefst privaten Überlegung über den eigenen Tod und die Hilfe für andere sein können, ist jedoch schlicht absurd. Es gehe, sagt nun Volker Kauder, nicht um ein Gespräch, sondern darum, dass die Behörde die Bürger beim Abholen des Führerscheins auf Broschüren zur Organspende hinweise.

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Ob allerdings ein Broschürenhinweis in einer Amtsstube Bürger dazu bewegt, über Organspenden nachzudenken: Darüber lässt sich trefflich streiten. In ihrem Eifer, die Zahl der zu einer Spende bereiten Personen zu erhöhen, glauben jedenfalls die Anhänger der "Entscheidungslösung" fest daran. Dabei übersehen sie allerdings, dass sich etwa acht Millionen Deutsche längst entschieden haben: Sie tragen einen Organspenderausweis bei sich. Warum trotzdem 12 000 Schwerkranke auf die lebensrettende Hilfe warten und täglich drei Patienten sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ bekamen: Das ist die bedrückende Frage.

Es ist eben nach wie vor so, dass viele Klinken keinen speziell mit Spenden betrauten Arzt haben – also jemanden, der die Schulung und die Gabe hat, nach dem Tod eines Menschen mit dessen Angehörigen über eine Organspende zu sprechen. Das ist keineswegs einfach, weil die Familie soeben einen geliebten Menschen verloren und in ihrem Schmerz eigentlich nicht die seelische Kraft hat, über eine Transplantation nachzudenken. Auch ist es für medizinische Laien schwer zu ermessen, was eigentlich der Hirntod ist, das heißt: die medizinische Lage, die eingetreten sein muss, damit überhaupt jemand ein Organspender sein kann. Umso wichtiger ist es für sie, ihre Ängste und Fragen mit jemandem besprechen zu können, der medizinisch erfahren ist und sich die Zeit für ein ruhiges Gespräch nehmen kann. Die Arbeit eines Transplantationsbeauftragten ist zweifellos sinnvoll. Kliniken, die Beauftragte haben, erreichen mehr Organspenden als Häuser, die niemanden mit dieser Aufgabe betrauen. Deshalb ist es gut, dass der Bundestag derzeit ein Gesetz berät, das einen Beauftragten in allen Krankenhäusern vorsieht.

Damit macht das Parlament, was nötig ist, um mehr Schwerkranken die Chance auf Heilung zu geben. Natürlich spricht nichts dagegen, das Bewusstsein für Organspenden wach zu halten. Ärzte, Apotheker, Kirchen und Stiftungen sollten vielmehr das Thema weiter in die Öffentlichkeit tragen. Wie die erwähnte Zahl von acht Millionen belegt, haben sie das gut gemacht. Die Debatte über die "Entscheidungslösung" hingegen ist aktionistisch und überflüssig.

Autor: Bernhard Walker