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28. April 2016

"Unbefugte Leute haben immer wieder die Finger drin"

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann kritisiert die Art und Weise, wie die katholische Kirche ihre Bischöfe bestellt.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag und damit vor seiner Emeritierung als Bischof von Mainz beklagt Kardinal Karl Lehmann, dass "leider auch heute und trotz Papst Franziskus" Vorbehalte der Kurie, die nicht kollegial kommuniziert werden, oder gar Stimmen von außen darüber mitentscheiden, wer wo Bischof wird und wer nicht. "Unbefugte Leute haben immer wieder die Finger drin. Echte Reformen fangen an, wenn solche Dinge verschwinden", betont Lehmann in einem bei Herder in Freiburg als Buch erscheinenden Interview des früheren ZDF-Intendanten Markus Schächter.

Der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Theologe war viele Jahre Mitglied der Bischofskongregation im Vatikan. Sie sichtet vor der Ernennung des neuen Bischofs durch den Papst die Vorschlagslisten der jeweiligen Domkapitel. Und auch die Namen, die der Apostolische Nuntius – der Botschafter des Papstes im betreffenden Land – hinzufügen kann. Lehmann berichtet offen, "wie oft" habe er in dieser Kongregation Einwände aus dem Vatikan oder gar von außen gegen einen Personalvorschlag erlebt. "Im Namen des Rechts müssen die Seiteneinflüsse, die nicht legitim sind, zurückgedrängt werden, damit die zu Wort kommen, die die Vorschläge machen und die nachher auch mit dem gewählten Kandidaten leben müssen", fordert der Kardinal.

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Ohne die Vorgänge vor zwei Jahren in Freiburg und in Köln explizit zu erwähnen, lastet Lehmann dem Vatikan "eine schwer erträgliche Missachtung der Kirche im Land" an, Vorschlagslisten der Domkapitel komplett zu ignorieren und diese den Bischof aus einer Dreierliste mit völlig neuen Namen wählen zu lassen. "Das Problem spitzt sich immer mehr zu", analysiert der Kardinal, weil diese Liste aus dem Vatikan dann ausschließlich aus Kandidaten besteht, die die Domkapitulare – vielleicht sogar explizit – gar nicht gewünscht hatten.

2014 hatten offenbar weder Stephan Burger, als Offizial damals selbst Mitglied des Freiburger Domkapitels, noch Kardinal Rainer Maria Woelki, damals Erzbischof in Berlin, in Köln auf der Wunschliste der Domkapitulare gestanden. "Die Bischofswahl ist zur Farce verkommen", zitierte die BZ im Juni 2014 einen lange bei der Kirche beschäftigten Juristen.

Lehmann fragt sich "schon, wie es zu dieser oder jener Liste gekommen ist". Namen nennt der Kardinal natürlich nicht – aber die Frage stellt sich von selbst: weshalb beispielsweise 2003 in Freiburg Robert Zollitsch gewählt werden durfte und Paul Wehrle nicht. Lehmann weiß, wovon er spricht. Die Bischofskongregation im Vatikan hatte das Freiburger Domkapitel schon vor 2014 zweimal übergangen. Nach dem Tod von Hermann Schäufele 1977 wünschte sich Generalvikar Robert Schlund den damals 42-jährigen Freiburger Theologieprofessor Lehmann als neuen Erzbischof. Doch als die Terna aus Rom eintraf, fehlte sein Name – er konnte damit nicht gewählt werden. Guido del Mestri, der damalige Nuntius in Bonn und spätere Kardinal, versicherte dem erzürnten Lehmann, selbst er wisse nicht, was da gelaufen sei.

Das Verfahren steht

immer mehr in Frage

Und nach dem Rücktritt von Erzbischof Oskar Saier rechnete im Bistum so gut wie jeder mit Weihbischof Paul Wehrle als Nachfolger – doch auch sein Name fehlte auf der Liste aus Rom. 1978 oder 2002, so wird gemutmaßt, sei das Freiburger Domkapitel nahe daran gewesen, dem Vatikan die Terna zurückzuschicken. Mit dem Risiko, dass der darauf mit der Feststellung reagiert hätte, das Domkapitel habe damit sein ihm vom Konkordat zugesichertes Wahlrecht verwirkt, und den neuen Freiburger Erzbischof im Alleingang bestimmt hätte.

Auch deshalb fordert der scheidende Mainzer Bischof vom Vatikan gerade in Personalfragen ungewöhnlich mutig viel mehr Transparenz: Wenn gegen einen Kandidaten, den das Domkapitel gewünscht hat, im Vatikan "wirklich etwas vorliegt", dann müsse der Nuntius oder Rom mit dem Dompropst oder mit dem Domdekan reden. "Und dann muss auch die Gelegenheit zu einer Antwort sein, anstatt dass Namen von Rom kommentarlos einfach gestrichen werden", fordert Lehmann, "das ist mir ein dringendes Bedürfnis". Denn es sei, bilanziert der Kardinal, "einfach schon zu viel passiert. Sonst wird das ganze Verfahren immer mehr in Frage gestellt werden".

Der Mainzer Kardinal, von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, verurteilt auch, dass der Vatikan nicht nur mit Erzbischofssitzen, sondern auch mit "normalen" Bischofssitzen Kirchenpolitik betreibe. Dort, wo man zuerst gute Seelsorger brauche. Das sei, so der zweifach promovierte Theologe, "für meine Begriffe nicht mehr erlaubt". Lehmann stellt überdies die Frage, ob der Treueeid des Bischofs gegenüber dem Staat "in der heutigen Form sinnvoll ist". Auch Stephan Burger musste ihn 2014 vor der Landesregierung leisten.

Autor: Gerhard Kiefer