Öffentlicher Nahverkehr der Region

Kosten für die Breisgau-S-Bahn explodieren – Baustopp noch teurer

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Fr, 14. Dezember 2018 um 13:19 Uhr

Freiburg

Die Kosten für die Breisgau-S-Bahn laufen nicht nur auf der Breisacher Strecke davon – aber ein Baustopp käme sogar noch teurer. Die Zukunft der Elztalbahn ist unklar. Hier steigen die Kosten um mehr als das Dreifache.

Elektrifizierung, barrierefreier Ausbau von Haltestationen, zusätzliche Gleise für Begegnungsverkehr, neue Signaltechnik: Das Projekt Breisgau-S-Bahn 2020 soll den Nahverkehr auf ein deutlich höheres Niveau heben. Das Ziel sind bessere Verbindungen, engere Takte, kürzere Fahrtzeiten. Nicht alles, was anfangs geplant war, lässt sich umsetzen. Denn wieder einmal explodieren die Kosten.

Als vor einem Monat bekannt wurde, dass die Kosten für den Ausbau der Breisacher Bahn explodieren, war das Entsetzen groß. Doch es kommt noch schlimmer. Obwohl Freiburg und die Nachbarkreise kräftige Abstriche von den ursprünglichen Plänen machten, verteuert sich das Großprojekt Breisgau-S-Bahn mit den acht Trassen gravierend: Von einst 190 Millionen Euro auf mindestens 330 Millionen Euro – und darin wäre die Elztalbahn noch nicht einmal berücksichtigt. Und auch nicht die Planungskosten. Hauptgrund sind die davoneilenden Baupreise. Nun die Notbremse zu ziehen, sei dennoch falsch, warnen Thomas Wisser und Uwe Schade vom Zweckverband Regio-Nahverkehr (ZRF). Die Folgen wären nur noch höhere Kosten.
ZRF und RVF

1994 gründen sich ZRF und RVF. Zum Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF) haben sich Freiburg und die Landkreise Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald zusammengeschlossen, um den Nahverkehr voranzubringen, vor allem mit dem Konzept Breisgau-S-Bahn. In der ZRF-Versammlung sitzen Bürgermeister und Gemeinderäte.

Zusammengeschlossen haben sich auch 17 Verkehrsbetriebe: Als Regio-Verkehrsverbund (RVF) lassen sie im Auftrag des ZRF die Busse und Bahnen rollen. Mit dabei sind die Bahn AG, die Verkehrs-AG, die Südwestdeutsche Verkehrs-AG mit Sitz in Lahr (SWEG), die Breisgau-S-Bahn GmbH, die Südbaden-Bus GmbH sowie insgesamt zwölf mittelständische Busunternehmen.

Die gute Nachricht vorweg: Die elektrifizierte Münstertalbahn ist seit fünf Jahren fertig und blieb mit 14,4 Millionen Euro im Kostenrahmen. Noch besser: Der barrierefreie Ausbau der Haltestellen der Drei-Seen-Bahn im Hochschwarzwald ist kurz vor der Fertigstellung und wird sogar günstiger als zuletzt kalkuliert.

Für alle anderen Strecken der Breisgau-S-Bahn brachten die Ausschreibungen schockierende Ergebnisse. Die Angebote der wenigen Firmen liegen mal um 37 Prozent über der drei Jahre alten Kalkulation des ZRF (für die Kaiserstuhlbahn), mal um 44 beziehungsweise 45 Prozent (Höllentalbahn West beziehungsweise Ost). Und für die Breisacher Bahn um 75 Prozent, was Landrätin Dorothea Störr-Ritter vom Kreis Breisgau-Hochschwarzwald "jede Vorstellungskraft" raubte (Hintergrund).

Nicht zum ersten Mal erschüttern die Kosten den Zweckverband. Vor sechs Jahren legten die Verantwortlichen der Deutschen Bahn erste Detailplanungen vor und verdoppelten beinahe ihre vorherigen Annahmen für die Breisacher Bahn; für die Elztalbahn stiegen die Kosten sogar um mehr als das Dreifache. Im ZRF keimte der Verdacht auf, das Staatsunternehmen habe unnötige Investitionen und Sicherheitspuffer eingebaut. Er ließ sogar auf eigene Kosten das Werk der Bahn überprüfen. Doch Ernüchterung machte sich breit. Der Zweckverband musste Abstriche machen, um das Gesamtprojekt zu retten.

Nun überbrachten die Bahn-Planer erneut Hiobsbotschaften. "Die Baupreise zerstören alle Kalkulation", sagt Thomas Wisser, Finanzdezernent des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald und Chef der Regio-Verbund GmbH, die für den ZRF die Geschäfte erledigt. Bei den Ausschreibungen verzeichne alles, was mit Gleisen, Bahnsteigen, Lärmschutz zu tun habe, Preisanstiege von 150 bis 200 Prozent. Tiefbauarbeiten lägen um 60 Prozent höher. "Die großen Firmen aus dem Norden sind nicht interessiert, ihre Maschinen zu verlagern", sagt Wisser. Sie hätten genug zu tun mit neuen ICE-Strecken. Die Breisacher Bahn würde demnach rund 100 statt 57 Millionen Euro kosten – es hatte nur einen Bieter gegeben. Das Projekt zu verschieben, würde noch teurer werden. Sogar Zuschüsse aus Berlin drohten dann wegzufallen.

Bei der Höllentalbahn Ost verteuerte zudem eine Tunnelabsenkung das Projekt. Bei der Kaiserstuhlbahn waren es der Gleisunterbau und eine Brücke bei Riegel, die verstärkt werden musste. Ein weiterer Kostentreiber sind Verzögerungen. Bei der Breisacher Bahn haben Umweltplaner die ökologische Bedeutung von Mooswald und Wasenweiler Ried unterschätzt. Das Eisenbahnbundesamt habe Verbesserungen für den Natur- und Wasserschutz verlangt, sagt Wisser. Die Folge: ein Jahr Verzögerung. Dadurch ist der Ausbau der Höllentalbahn Ost nach vorne gerutscht.

Noch gravierender ist der Zeitverlust für die Elztalbahn. Es gebe viele Einwendungen von Anwohnern, die den geplanten Begegnungsverkehr in Gutach ablehnen und auch ihre Grundstücke nicht für Masten oder einen verlängerten Bahnsteig abtreten wollten. Eine Umplanung soll das Problem verkleinern. Das Ergebnis der Ausschreibung für das auf knapp 30 Millionen Euro geschätzte Vorhaben soll im Sommer vorliegen – böse Überraschung nicht ausgeschlossen. Ob die Trasse dann wirklich gebaut wird, steht in den Sternen. Die Versammlung des Zweckverbands am nächsten Mittwoch hat jedenfalls reichlich Gesprächsstoff.
Breisgau-S-Bahn 2020

Freiburg und die Nachbarkreise Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald verfolgen im ZRF (siehe Info-Kasten) das Nahverkehrskonzept "Breisgau-S-Bahn 2005". Das Ziel: in jede Himmelsrichtung eine Bahnlinie im Halbstundentakt. Wegen steigender Kosten mussten immer wieder Abstriche an den Plänen gemacht werden. 20 Prozent finanziert der ZRF, den Rest zahlen Bund und Land. Ein Überblick:
  • Höllentalbahn: barrierefreie Stationen; Kreuzungsbahnhof Littenweiler für kürzeren Takt zwischen Kirchzarten und Freiburg Hauptbahnhof, neues Stellwerk in Titisee, Elektrifizierung von Neustadt bis Unadingen. Gestrichen: Stationen Pressehaus, Stadthalle, Kapplertal, Kirchzarten-Birkenhof, dritter Bahnsteig in Himmelreich.
  • Breisacher Bahn: barrierefreie Stationen; Ausbau der Station Gottenheim fürs Entkoppeln der Züge in zwei Richtungen; Elektrifizierung. Gestrichen: Doppelspur Messe – Landwasser für den 15-Minuten-Takt; Kreuzungsbahnhof Ihringen; längere Bahnsteige zwischen Wasenweiler und Breisach.
  • Drei-Seen-Bahn: barrierefreie Stationen. Gestrichen: Verlängerung der Bahnsteiglänge von 140 auf 210 Meter.
  • Elztalbahn: Elektrifizierung bis Elzach; Kreuzungsbahnhof Gutach mit zweitem Bahnsteig; barrierefreier Ausbau der Station Waldkirch.
  • Kaiserstuhlbahn: Elektrifizierung; Ausbau Bahnhöfe Riegel Ort, Endingen, Sasbach, Oberrotweil; Doppelspur zwischen Bahlingen und Nimburg; Verbesserung des Untergrunds.
  • Münstertalbahn: barrierefreie Stationen; Kreuzungsbahnhof Staufen; Elektrifizierung.
  • Müllheim – Mulhouse: barrierefreier Ausbau der Station Neuenburg und Verlängerung des Bahnsteigs.