Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
10. März 2010
Alleine pflegen macht einsam
Um dieser Gefahr vorzubeugen, gibt es Pflegebegleiterinnen / Weiterer Kurs mit Ausgabe der Zertifikate abgeschlossen.
FREIBURG/LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Mehr als 2000 Menschen haben sich bislang bundesweit zu Pflegebegleitern ausbilden lassen. Jetzt ist das Netzwerk um 17 Menschen, neun aus Freiburg, acht aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, gewachsen. Am Wochenende nahmen sie nach 60 Stunden Unterricht ihre Zertifikate entgegen. Damit hat auch die Stadt Freiburg ihre erste Pflegebegleiterinitiative. Im Landkreis gibt es schon einige. Sie begleiten pflegende Angehörige ehrenamtlich bei ihrer schwierigen Aufgabe.
Melanie Staib weiß, wie es ist, in einer pflegenden Familie aufzuwachsen. Oft hat die heute 25-jährige Studentin an der Freiburger Evangelischen Hochschule als Kind Aufgaben übernehmen müssen, die überhaupt nicht ihrem Alter entsprachen. Und ist mit ihren eigenen Bedürfnissen immer ein bisschen zu kurz gekommen. Als Pflegebegleiterin, hat sie sich vorgenommen, wird sie besonders ein Auge auf die Kinder in einer pflegenden Familie haben. "Aber es kommt natürlich auch darauf an, was pflegende Angehörige von mir wollen."Der 42-jährige Krankenpfleger Ingmar Strube, einziger Mann im Kurs, erlebt bei seiner Arbeit als persönlicher Assistent eines behinderten Menschen immer wieder, wie schnell Angehörige in Überlastungssituationen geraten. Als Pflegebegleiter kann er ihnen zur Seite stehen. Der Wunsch, neben seinem Beruf auch noch ehrenamtlich zu arbeiten, entspringt seiner buddhistischen Grundhaltung: "Mit Geld allein ist alltägliches Glück nicht zu haben."
Werbung
Die Aufgabe von Pflegebegleitern ist es nicht, Angehörige in der Pflege praktisch zu entlasten. Aber sie bringen die Zeit und das im Kurs geschulte Geschick mit zum Zuhören; sie wissen, wo es Hilfe gibt oder finanzielle Unterstützung, wenn die Angehörigen dringend mal Urlaub brauchen. "Wir gehen notfalls auch mit zu den entsprechenden Stellen. Angehörige sind oft so emotional, dass sie gar nicht alles mitkriegen, was ihnen dort gesagt wird", sagt Strube.
Wie Agnes Bügener aus St.Peter versteht er sich als Brückenbauer zu den professionellen Hilfen. Die 46-jährige Arzthelferin hat selber ihre Mutter vor eineinhalb Jahren bei sich aufgenommen und wird als Pflegebegleiterin den Kontakt zu den Patientinnen nutzen, die ihr jetzt schon oft ihr Leid klagen etwa über ihre Schwierigkeiten im Umgang mit einer dementen Mutter. "Ich werde schauen, was auf mich zukommt und hoffe, meinen Mitmenschen in kleinen Schritten nützlich sein zu können."
Für Pflegebegleiter gibt es keine feste Arbeitsplatzbeschreibung. Kursleiterin Renate Brender, Diplom-Sozialarbeiterin in der ambulanten Altenhilfe des Caritasverbandes Breisgau-Hochschwarzwald, sieht in der Freiheit der Pflegebegleiter "eine riesengroße Chance". Ohne professionelle Scheuklappen können sie ihre an den lokalen Anforderungen orientierte Kreativität entfalten. Was daraus entsteht, hängt von der Eigeninitiative der Gruppen ab, die sich regelmäßig treffen zu Fallbesprechungen und Supervision. Ursula Konfitin, Leiterin des Freiburger Seniorenbüros, weist auf die sozialpolitische Bedeutung von Nachbarschaften und Pflegebegleiterinitiativen angesichts einer alternden Gesellschaft hin – gerade wegen ihrer wenig institutionalisierten Form und des niedrigschwelligen Zugangs.
Nach der fünfjährigen Bundesmodellphase ist das Pflegebegleiterprojekt in die Eigenverantwortung der Gesellschaft entlassen. Im besten Fall, so hoffen die Initiatoren, entsteht daraus eine bürgerschaftliche Bewegung zu einer neuen Pflegekultur.
Vom Land und den Pflegekassen stehen für die Qualifizierung und die Arbeit in den Gruppen Fördermittel bereit. Es müssen sich nur Projektinitiatorinnen wie die ehrenamtliche Co-Kursleiterin Waltraud Keller für die Stadt Freiburg finden, die die Sache ins Rollen bringen. Dafür brauchen sie die Anbindung an einen Träger wie in diesem Fall die Caritasverbände der Stadt und des Landkreises. "Alleine pflegen macht einsam", weiß Abteilungsleiterin Edeltraut Kambach vom Stadtcaritasverband.
Liliana Christ weiß das von ihrer Mutter, die zwei Jahre lang ihren Vater gepflegt hat. "Eine Begleiterin hätte ihr sehr geholfen." Jetzt will die 45-jährige, aus Peru stammende Freiburgerin für Familien da sein, denen es ebenso geht. Ihre spanische Muttersprache könnte ihr auch den Weg in Migrantenfamilien öffnen. Die 47-jährige frisch gebackene Pflegebegleiterin Rosina Kaltenbach aus einer Kaiserstuhlgemeinde ist selbst "in die Isolation abgerutscht", als sie ihre Schwiegermutter pflegte und noch zwei kleine Kinder zu versorgen hatte. "Ich war ans Haus gefesselt und bin nach vier Wochen explodiert, weil es niemanden gab, mit dem ich reden konnte."
QUALIFIZIERUNGSKURS
Ein Qualifizierungskurs erstreckt sich über 60 Stunden, der drei Wochenenden und zwei Exkursionen in Einrichtungen wie das Zentrum für Geriatrie und Gerontologie oder die psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen beinhaltet. Die Teilnehmenden lernen viel über Kommunikation, Mediation oder Familiensysteme. Auch die Projektinitiatoren selbst werden für den Aufbau von Pflegebegleiterinitiativen und die Qualifizierungskurse qualifiziert vom Paritätischen Bildungswerk Stuttgart.
Infos zu Förderung und Qualifizierung: Iren Steiner, Telefon 07023 / 741248
http://www.netzwerk-pflegebegleitung.de
Pflegebegleiterinitiativen:
Dreisamtal/Kaiserstuhl-Tuniberg/Nördlicher Breisgau: Renate Brender, Telefon 0761/8965-433, http://www.caritas-breisgau-hochschwarzwald.de
Freiburg: Waltraud Keller, Telefon 0761/2909312, Waltraud.Keller@t-online.de oder
Caritasverband Freiburg-Stadt, Telefon 0761/31916-0
Autor: arü
Autor: Anita Rüffer
