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24. Oktober 2009

Alt sein heißt oft auch arm sein

SERIE ARMUT IM LANDKREIS: Immer mehr alte Menschen sind auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen

  1. In Senioren-Wohnanlagen wohnt oft auch die Armut. Foto: Christine Aniol

LANDKREIS BREISAGAU-HOCHSCHWARZWALD/BREISACH. Im Alter zufrieden Leben, wer wünscht sich das nicht? Den Lebensabend mit Familie und Freunden genießen, sich im Ruhestand endlich einen Traum erfüllen. Aber bei weitem nicht jeder kann sorgenfrei auf seinen Lebensabend blicken, denn auch immer mehr ältere Menschen sind von Armut betroffen und auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen.

"Armut findet im Verborgenen statt, das Thema betrifft auch bei uns im Landkreis alle Lebensbereiche", beschreibt Bernhard Scherer, Geschäftsführer des Caritasverbands für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und Vorsitzender der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Landkreis, das Problem. Immer mehr alte Menschen seien auf finanzielle Unterstützung angewiesen, sagt er bei einem Pressegespräch in der AWO-Seniorenanlage in Breisach.

Seit dem Jahr 2000 leben in Baden-Württemberg mehr ältere als junge Menschen. Die gehe aus der Studie des statistischen Landesamtes hervor, sagt Sören Funk, Geschäftsführer des Kreisverbandes Breisgau-Hochschwarzwald/Emmendingen der Arbeiterwohlfahrt. "Alte Menschen bilden somit zahlenmäßig das Fundament unserer Gesellschaft", sagt er. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren zeige, dass immer mehr ältere Menschen unter Armut in zweierlei Hinsicht leiden würden. "Familiäre Strukturen brechen weg, Angehörige und Freunde sterben. Die Folge ist soziale Isolation", sagt Funk. Außerdem reiche die eigene Rente oft nicht mehr aus, um laufende Kosten wie Miete, Wasser, Strom und Lebensmittel zu bezahlen. Immer mehr alte Menschen seien auf die Grundsicherung vom Staat angewiesen. Frauen seien doppelt so häufig betroffen wie Männer.

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Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Empfänger von staatlicher Hilfe in Baden-Württemberg um 5 Prozent. "Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald haben alarmierende 9 Prozent mehr Grundsicherung bekommen", sagt Funk. "Immer mehr ältere Menschen kaufen in den Tafelläden ein, das ist ein Signal", hebt Scherer hervor.

Aus Scham würden viele gar keine Grundsicherung beantragen, weiß Markus Rauh. Er leitet die 2 Beratungsstellen für ältere Menschen im nördlichen Breisgau und in der Region Kaiserstuhl-Tuniberg. Der Sozialpädagoge informiert, hilft beim Ausfüllen von Anträgen und vermittelt, wenn eine gesetzliche Betreuung notwendig wird. "Es gibt viele extreme Beispiele, wie Fälle von Verwahrlosung", sagt er. Die Grundsicherung sei für viele seiner Klienten dringend notwendig.

Funk kritisiert, dass der gesetzliche Regelsatz bei weitem nicht ausreiche. Bezahlt werde eine Wohnung, die allerdings nicht mehr als 250 Euro kalt kosten darf, und die Heizung. Von 359 Euro müssen die Empfänger Wasser, Strom, Nahrung und das, was sie sonst zum Lene benötigen, bezahlen. Auch Agnes Koger, Leiterin der Seniorenwohnanlage der AWO in Breisach, betont: "Armut im Alter nimmt zu." 10 der Personen, die in den 35 Wohnungen der Seniorenwohnanlage leben, bräuchten eigentlich mehr Geld und kämen trotz Grundsicherung nur knapp über die Runden. "Ich schaue immer in der Rubrik der Zeitungen, ob jemand etwas verschenkt, und fahr dann auch mal mit dem Zivi einen Tisch oder eine Holzkommode für die Bewohner holen", berichtet sie.

Dass die Grundsicherung gerade so reicht, berichtet auch eine Betroffene, die anonym bleiben möchte. "Ich bin nicht unglücklich, aber etwas außer der Reihe leisten kann ich mir nicht", erklärt die 71-Jährige. Nie habe sie daran gedacht, Grundsicherung zu beantragen, und erst das Ersparte aufgebraucht. Als ihr Mann starb, sei die finanzielle Situation schwieriger geworden und sie habe Unterstützung vom Staat beantragt. "Nun bleiben mir am Tag 2 Euro für Lebensmittel, einen kleinen Betrag lege ich zudem immer für Notfälle zur Seite", sagt sie. Den Sparkurs habe sie sich selbst auferlegt, so die Senioren: "Schulden würde ich nie machen, man muss sich einschränken und eben die Sonderangebote kaufen". Wie es weiter gehen soll, wenn sie sich beispielsweise nicht mehr selbst die Haare waschen oder die Zehennägel schneiden kann? Ratlos zuckt die Frau mit den Schultern.

"Es muss sich etwas ändern", fordert Scherer. Die Mietobergrenze müsse angepasst werden. "Nicht überall ist eine Einzimmerwohnung für 250 Euro zu haben", sagte er. Zudem fordert Scherer im Namen der Liga eine Stärkung der ehrenamtlichen Dienste und den Ausbau der Seniorenberatung. "Wichtig ist, dass bei den Leistungen vom Staat altersspezifische Erfordernisse, wie die oft benötigte Pflege, berücksichtigt werden und jeder Fall geprüft wird", hebt Scherer hervor.

Autor: Christine Aniol