Lebensretter auf vier eisigen Pfoten

Der Lawinensuchhund hat am Feldberg sein Revier

Yvonne Weik

Von Yvonne Weik

Fr, 03. Februar 2012 um 18:40 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Joschi ist der einzige Lawinensuchhund in ganz Baden-Württemberg. Wenn auf dem Feldberg eine Lawine abgeht, dann hilft er der Bergwacht bei der Suche nach Verschütteten.

Seine Nase wühlt sich tief in den eisigen Schnee. Der Schnauzbart ist gefroren. Doch er schnüffelt weiter. Rechts, links, rechts. Die Plakette an seinem Halsband baumelt dabei hin und her: Bergwacht Suchhund steht darauf. Er ist der einzige Lawinensuchhund in ganz Baden-Württemberg. Wenn Joschi im Einsatz ist, geht es am Feldberg um Leben und Tod.

Er hat in seine Hände gepasst, als Johannes Hepting seinen Joschi das erste Mal sah. Der kleine Welpe wuselte zwischen 13 Geschwistern hin und her. Seine braunen Hundeaugen blickten neugierig in die Welt. Johannes Hepting ahnte sofort, dass er etwas Besonderes ist. Er nahm ihn mit vom Münsterland ins Elztal. Das Hundebaby wusste damals nicht, dass sein Herrchen große Pläne mit ihm hat: Aus dem Flachländer sollte ein Lawinensuchhund werden.

Seit diesem Tag arbeitet Johannes Hepting mit Joschi. Zweimal wöchentlich gehen die beiden ins Hundetraining des Deutschen Roten Kreuzes in Freiburg (DRK). Mitte Januar dann der Höhepunkt in Joschis Hundekarriere – die B-Lawinenhundeprüfung in Garmisch-Partenkirchen. Johannes Hepting hat sich nicht getäuscht: Joschi hat es geschafft! Er ist der einzige Hund außerhalb Bayerns, der die Plakette mit der Aufschrift Bergwacht Suchhund tragen darf. "Ich bin schon stolz auf ihn", sagt Johannes Hepting und krault Joschis Strubbelkopf.

Die beiden verbringen jeden Tag zusammen. Wenn Hepting als Kachelofenbauer arbeitet, liegt Joschi in seiner Box im Auto und wartet. Es könnte ja sein, dass plötzlich das Handy klingelt. Ein Anruf von der Leitstelle: Lawinenabgang am Feldberg. Dann zählt jede Minute.

Damals, 2002, passierte es. Am Zastler riss eine Lawine vier Snowboarder mit sich und begrub sie. Drei konnten sich befreien, ein 21-jähriger Freiburger schaffte es nicht. Die Bergwacht rückte aus. Schulter an Schulter standen sie und sondierten das Gelände. Alle sechzig Zentimeter stachen sie ihre Sonden in den Schnee. Jedes Bergwachtmitglied hoffte, im Untergrund eine Veränderung zu spüren, dort den Menschen zu finden. Ein Lawinensuchhund hätte ihnen helfen können: Seine Nase ersetzt die Arbeit von 100 Bergwachtmitgliedern.

Sie hatten damals keinen Lawinensuchhund, aber sie holten Johannes Hepting. Er war Hunderettungsführer beim DRK. Erfahrung im Schnee hatten er und sein Hund nicht, aber sie wollten helfen. Als sie gerade am Zastler ankamen, wurde der Snowboarder gefunden. "Lebend, zum Glück", erinnert sich Hepting. Damals fasste er den Entschluss, die Kollegen der Bergwacht zu unterstützen – und einen Lawinenhund auszubilden.

Der Jagdhund hat die richtigen Gene

Vor zwei Jahren war er fast so weit. Johannes Hepting hatte einen Lawinenhund ausgebildet: Balko. Dann passierte der Unfall. Balko rannte vor ein Auto und starb. "Ich habe eine Woche nur geheult", erinnert sich Johannes Hepting. Doch dann kam Joschi.

Joschi hat die richtigen Gene. Er ist ein Jagdhund, ein Griffon, und stammt aus einer erfolgreichen Züchtung. Seine Geschwister sind alle Jagdhunde geworden, doch der Star in der Familie ist Joschi. Er arbeitet als Lawinen- und Gebirgsflächensuchhund. Bei der DRK-Rettungshundestaffel Freiburg kann er im Erdbebengebiet genauso eingesetzt werden wie im steilen Gelände. Und im Winter, da pflügt er durch den Schnee.

Heute soll Joschi zeigen, wie schnell er mit seiner Spürnase ein Lawinenopfer finden kann. Noch hat Johannes Hepting ihn an der Leine, doch der Hund zieht schon heftig. "Joschi weiß, dass gleich was geht", erklärt Hepting. Er weiß allerdings nicht, dass irgendwo in einer Höhle unter der Schneedecke des Feldbergs Simone von der Bergwacht liegt. Doch er riecht sie. Simones Körper ist warm, die Wärme steigt durch den Schnee nach oben und mit ihr Geruchspartikel. "Wenn Joschi die in der Nase hat, muss er los."

Und er geht los. Der Jagdhund sprintet durch den Schnee, schnüffelt hier und da, nimmt eine Spur auf und fängt plötzlich wie wild an zu buddeln. Normalerweise würde Johannes Hepting ihn nun zurückpfeifen, selbst sondieren, ob dort tatsächlich ein Mensch liegt. Falls doch, dann heißt das Kommando für die Bergwacht: "Fund – losschaufeln wie wild!"

Heute übernimmt das Joschi. Der Schnee fliegt zur Seite, Joschis Kopf verschwindet im Schnee, dann sein Körper, die Pfoten, weg ist er. Drinnen in der Schneehöhle wartet Simone – und ein Zipfel Wurst. Anfangs hat Hepting ihn so gelockt, heute braucht Joschi das nicht immer. Das Suchen und Finden ist seine Belohnung.

Immer wieder hat Johannes Hepting das mit Joschi trainiert. Als Jagdhund hat er den Instinkt für die richtige Spur. Und er hat einen Hundeführer bei sich, der ihn lenkt und in Stresssituationen Ruhe bewahrt. Auch Johannes Hepting hat viel gelernt. Heute weiß er genau, was im Ernstfall auf ihn und Joschi zukommt. Und er weiß, dass sie nicht viel Zeit haben.

"Ich kann mich hundert Prozent auf Joschi verlassen" Bergführer Johannes Hepting
20 Minuten nach einer Lawine sinken die Überlebenschancen. Zwar kann man auch drei bis vier Stunden im Schneegrab überleben, aber nur, wenn sich ein Atemloch gebildet hat, erklärt der Bergführer.

In zehn Minuten fliegen Joschi und er mit dem Helikopter vom Elztal auf den Feldberg – wenn sie schnell sind, schaffen sie es in sieben. Dann ist Joschis Nase gefragt. Natürlich kann es sein, dass der Hund keine Spur findet. Joschi ist keine Maschine. Aber Johannes Hepting ist sich sicher: "Ich kann mich hundert Prozent auf Joschi verlassen."

Bis 2022 wird Joschi im Einsatz sein. Dann ist er zwölf Jahre alt und geht in den Ruhestand. Johannes Hepting hofft, dass in dieser Zeit kein Mensch am Feldberg von einer Lawine begraben wird. Falls doch, dann ist Joschi bereit.