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03. August 2017

Ein Pilgerweg ohne Barrieren

Der Jakobsweg führt durch den Landkreis – ein Verein setzt sich dafür ein, dass ihn auch Menschen mit Handicap benutzen können.

  1. Die Muschel ist das Symbol für den Jakobsweg. Ben aus Müllheim ist dort mit seinem Handbike unterwegs. Foto: dpa/ Dorothee Philipp

  2. Foto: Stefan Puchner dpa

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Pilgern wird seit Jahren immer beliebter. Und mitten durch den Landkreis führt einer der bekanntesten Pilgerwege überhaupt, eine Route des Jakobswegs, der bis nach Santiago de Compostela führt. Doch für viele Menschen ist der Weg nicht frei. Der Förderverein Himmelreich-Jakobusweg setzt sich dafür ein, dass Pilgern ohne Barrieren möglich wird. Bei Müllheim und Löffingen wurden jüngst barrierefreie Abschnitte eingeweiht.

"Ultreïa!" - er klingt fast wie ein Zauberwort, der alte Pilgergruß der Gläubigen auf dem Weg nach Santiago de Compostela, wo der Apostel Jakobus der Ältere begraben sein soll. Inzwischen kennen viele Menschen dieses Wort, denn Pilgern als spirituelle Erfahrung und Wandererlebnis ist so beliebt wie noch nie. 1980 verzeichnete das Pilgerbüro in Santiago de Compostela 209 Ankömmlinge, 2016 waren es fast 278 000, im Jahr 2017 könnte die Marke 300 000 geknackt werden. Vom Dreiländereck aus ist es weit bis zur Nordwestspitze der Iberischen Halbinsel, aber einige Zugangswege führen sozusagen an unserer Haustür vorbei. Wie der 170 Kilometer lange Pilgerweg von Hüfingen über Freiburg nach Weil am Rhein und Basel, von wo aus eine der klassischen Pilgertrassen am Bieler See vorbei nach Westfrankreich zur spanischen Grenze führt.

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Verein arbeitet seit 2009 an Barrierefreiheit

Schon seit 2009 verfolgt der Förderverein Himmelreich-Jakobusweg das Ziel, die Pilgertradition durch den Schwarzwald neu zu beleben. Daraus wurde in jüngster Zeit das Projekt "Jakobusweg für alle", das auch Menschen mit Handicap das Pilgern auf diesem Weg ermöglicht. Erst vor kurzem wurde mit der acht Kilometer langen Etappe zwischen Hüfingen und Waldhausen das letzte Teilstück des barrierefreien "Pilgerwegs für alle" eingeweiht.

Für den zwölfjährigen Ben aus Müllheim, der von Geburt an gehbehindert ist, ist der Pilgergedanke nicht so wichtig: "Draußen gibt es immer was zu entdecken", berichtet er von seinem Erlebnis auf dem Jakobsweg für alle. Die holprigen Strecken haben ihm allerdings nicht so gut gefallen. "Ich mag Asphalt lieber", sagt er und kurbelt energisch an seinem Handbike mit den 14 Gängen. Wenn es auf unbefestigten Wegen bergab geht, kann der Rolli auch schnell mal rutschen oder sogar kippen. Ben ist gerne im Freien. Seine Eltern begleiten ihn, schieben, wenn es bergauf geht, ziehen den Rolli mit einem Seil, wenn es zu steil wird. Auch wenn man so ein sportliches Handbike wie Ben hat, ist eine Begleitperson auf dem Weg unerlässlich, am besten sogar zwei. "Man unterschätzt das Gewicht vor allem bei Erwachsenen", sagt sein Vater Frank Ohnemus, der als Krankenpfleger arbeitet.

Gerade die Solidarität, die man unterwegs erfährt, sei es, die das Pilgern im Rollstuhl so besonders mache, sagt Ohnemus. "Da können noch so viele Gesetze für die Gleichstellung kommen, es ist die spontane Zuwendung der Menschen am Weg, die Barrieren abbaut", hat er beobachtet. 125 Menschen sind 2016 nach einer kurzen oder längeren Pilgerreise mit dem Rollstuhl am Grab des heiligen Jakobus angekommen, verzeichnet die Pilgerstatistik von Santiago di Compostela.

Mit der Ausweisung von Trassen, die mit dem Rollstuhl befahrbar sind, sei es nicht getan, wenn Menschen mit Handicap eine längere Pilgerreise planen, sagt Georg Körner, der Vorsitzende des Förderkreises. Deswegen hat der Verein viel Detailarbeit für die Beschilderung und Beschreibung des Wegs in Form einer handlichen Mappe mit Flyern zu jeder Wegetappe aufgewandt. Darin finden sich allgemeine Informationen und Hinweise, eine Karte und ein genaues Höhenprofil sowie Adressen von barrierefreien Unterkünften, von auf Rollstuhltransporte spezialisierten Taxiunternehmen und auf den Mobilitätsservice der Bahn.

Auch Anke Dallmann, Behindertenbeauftragte des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald, freut sich über das Angebot, das mit 5000 Euro von der Aktion Mensch unterstützt wurde. Sie ist als Rollstuhlfahrerin bei den Eröffnungsveranstaltungen für die einzelnen Wegetappen dabei gewesen. Neben dem spirituellen Erlebnis des Pilgerns hat sie vor allem die "traumhafte Landschaft" beeindruckt.

Der Tourismus profitiert

Auch für Touristiker ist der "Jakobusweg für alle" ein willkommenes Plus in ihrem Angebot. "Sie treffen damit den Nerv, und wir haben hier ein tolles neues Angebot, das wir vermarkten dürfen", freute sich Christoph Kunz, Themenmanager Wandern und Natur sowie Beauftragter für "Schwarzwald barrierefrei" der Schwarzwald-Tourismus GmbH bei der Eröffnung der Etappe Sulzburg-Müllheim im Mai. Die Begehrlichkeiten der Gäste richteten sich auf Fernwanderwege, aber auch auf kurze genussreiche Wanderwege. "Die Barrierefreiheit kommt auch Wanderern ohne Handicap entgegen", so Kunz.

In der Müllheimer Tourist-Information hat man inzwischen einen eigenen Stempel mit der stilisierten Jakobsmuschel für die Pilgerpässe angeschafft, die hier immer öfter vorgelegt werden. Auf ihrer Homepage findet man Hinweise zu den Etappen zwischen Sulzburg und Weil am Rhein. Auf den Webseiten der Tourismusverbände Schwarzwald und Hochschwarzwald ist der "Jakobusweg für alle" bisher noch nicht eingepflegt.

Mehr Informationen über den Weg: http://www.himmelreich-jakobusweg.de

Autor: Dorothee Philipp