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21. März 2017

"Noch keine Selbstverständlichkeit"

15 der 50 Kreisgemeinden beteiligen sich an einem vom Land geförderten Modellprojekt, das die Inklusion voranbringen soll.

  1. Menschen mit Behinderung in alle Bereiche des Lebens zu integrieren, das ist das Ziel von Inklusion. Gelingt das, freuen sich die Betroffenen. Foto: Denys kuvaiev(fotolia.com)

HOCHSCHWARZWALD. Im Idealfall hat jede Gemeinde einen Kommunalen Inklusionsvermittler (KIV). Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Immerhin: Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald läuft seit Oktober 2014 das vom Sozialministerium Baden-Württemberg finanziell unterstützte Modellprojekt "Bürgerbewegung für Inklusion". 15 von 50 Kreisgemeinden sind immer noch daran beteiligt, was Projektleiterin Elke Eichler von der Akademie Himmelreich schon ein wenig stolz macht.

Die Verantwortlichen haben vor dem Start des Projekts mit jedem Bürgermeister Gespräche geführt. 17 konnten überzeugt werden. Zwei Gemeinden seien aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr dabei, doch von den übrigen habe fast jede ihren eigenen Inklusionsvermittler, die meisten davon sind Frauen. Die Vermittler treffen sich regelmäßig zu Fortbildungen, wie jüngst am Samstag in Löffingen zum Thema "Bauliche und infrastrukturelle Aspekte von Inklusion".

Aber auch die Netzwerktreffen sind für den Austausch untereinander und mit Einrichtungen und Verbänden wichtig. Beispielsweise informiert man sich am 28. April über die Arbeit des Blinden- und Sehbehindertenverbandes und über Hilfsmittel und Möglichkeiten, die die Bewältigung des Alltags erleichtern. Im sozialen Bereich sei die Inklusion relativ gut aufgestellt, aber im baulichen oder sportlichen Bereich sei noch Luft nach oben. "Inklusion ist immer noch keine Selbstverständlichkeit und wird noch viel zu wenig thematisiert", sagt Elke Eichler. Doch hier kommen die Kommunalen Inklusionsvermittler ins Spiel, die mit den Örtlichkeiten ihrer jeweiligen Gemeinde vertraut sind. Sie bringen Missstände und Verbesserungsmöglichkeiten zur Sprache und sensibilisieren die Verwaltung und Bevölkerung für die Belange von Menschen mit Behinderungen und vielfältigen Bedürfnissen. Beispielsweise in Löffingen, wo gerade der Rathausumbau im Gange ist, hat Annette Scherzinger ein Auge auf darauf, dass auch Menschen mit vielfältigen Behinderungen und Einschränkungen sich später zurechtfinden und ihre Behördengänge selbstständig erledigen können. Scherzinger: "Ziel ist die Sensibilisierung für eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe." Ein riesiges Feld gilt es Elke Eichler zufolge zu beackern, der Atem müsse manchmal ziemlich lang sein. Man dürfe sich nicht demotivieren lassen, auch kleine Schritte in alle Richtungen führten zum Erfolg.

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"Wichtig ist ein vernetztes, vielfältiges Denken", sagt auch Anke Dallmann. Die 35-jährige Freiburgerin wurde im August 2016 als hauptamtliche kommunale Behindertenbeauftragte des Landkreises eingestellt. Eine ihrer Funktionen ist die Koordination zwischen Gemeinden und der KIV. Das Bewusstsein dürfe nicht nur für Menschen mit Handicap, sondern auch für Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen geschärft werden, sagt sie. Hier denkt sie auch an ältere Menschen oder Familien mit Kinderwagen, die ähnliche Bedürfnisse wie ein Rollstuhlfahrer hätten.

"Von einer leichten Sprache profitieren viele, auch die Flüchtlinge", so ihre Erfahrung. Entsprechend gelte es zu reagieren. "Ideal wäre es, wenn man einen KIV überhaupt nicht mehr benötigt", sagt sie. Doch es gibt ihrer Auffassung nach noch viel zu tun. Was in den USA selbstverständlich sei – beispielsweise bieten die Hotels mindestens ein behindertengerechtes Zimmer an –, stecke hier noch eher in den Kinderschuhen. Auch die nordischen Länder seien den Deutschen voraus. Die Rechte von Menschen mit Behinderung seien zwar gesetzlich verankert, doch an der Umsetzung hapere es immer noch. Dennoch wurde schon einiges angestoßen, beispielsweise gibt es die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreier Tourismus, an der die KIV beteiligt sind. "Es gibt sehr viele Kompetenzen, doch jeder kocht seine eigene Suppe", sagt Elke Eichler. Neben der Beratung bezeichnet sie die Vernetzung als Hauptaufgabe des Projekts. Als Synergieeffekt daraus seien die Zusammenarbeit und Aktionen mit den angrenzenden Gemeinden angedacht.

Im Juni 2017 läuft das vom Sozialministerium mit gut 211 000 Euro und dem Projektträger, der Akademie Himmelreich, mit rund 22 000 Euro geförderte Projekt aus. Was wird danach? "Da müssen noch einige Gespräche stattfinden", sagt Eichler. Wieweit und in welcher Form das Projekt weitergeführt wird, sei noch offen. "Der Projektcharakter wird sich jedenfalls verändern", dessen ist sich die Projektleiterin sicher.

Autor: Christa Maier