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20. Juni 2014

Weg mit Barrieren in den Köpfen

Melanie Hildmann ist die neue Kreis-Behindertenbeauftragte.

  1. Dem Behindertenbeirat geht es auch, aber bei Weitem nicht nur um abgesenkte Bordsteine und Rampen. Foto: Peppi18(Fotolia.com)/Anita Rees

  2. Melanie Hildmann Foto: privat

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Die größten Handicaps sind oft nicht die eigenen körperlichen oder geistigen Einschränkungen, sondern die Gedankenlosigkeit und die Handlungen anderer. Melanie Hildmann möchte als neue Behindertenbeauftragte des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald die Öffentlichkeit für diese Problematik sensibilisieren und deutlich machen, dass Inklusion alle angeht – und allen zugutekommt.

Melanie Hildmann wurde Anfang Juni vom Behindertenbeirat zur Landkreisvorsitzenden gewählt. Sie ist motiviert, etwas zu verändern – in den Köpfen genauso wie konkret im Alltag. Ihr Ziel ist es nicht, zu kritisieren, was in der Vergangenheit falsch gemacht wurde, sondern "positiv nach vorne zu blicken und zu erklären, was man künftig besser machen kann".

Die 34-Jährige weiß, was Barrieren bedeuten: Seit ihrer Geburt sitzt sie im Rollstuhl. Als Kreis-Behindertenbeauftragte möchte sie für Menschen mit Einschränkungen Multiplikatorin und Sprachrohr sein. Und sie möchte das abstrakte Wort Inklusion mit Leben füllen. In unserer Gesellschaft dürfe niemand ausgegrenzt werden. "Jeder Mensch bringt Ressourcen, Stärken und Talente mit, die es zu nutzen gilt." Alle seien betroffen – und alle könnten profitieren.

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So sieht das auch Albrecht Schwerer, der im Behindertenbeirat mitarbeitet und das Diakonische Werk des Evangelischen Kirchenbezirks Breisgau-Hochschwarzwald leitet. Er erklärt: Phasenweise seien alle Menschen auf irgendeine Art eingeschränkt. Als Kinder waren und als Senioren werden wir möglicherweise auf Hilfe anderer angewiesen sein, um zurechtzukommen. Melanie Hildmann formuliert es so: "Für zehn Prozent der Bevölkerung sind Barrierefreiheit und haptische Orientierungshilfen zwingend notwendig. Und für 100 Prozent sind sie bequem."

Was Menschen mit Handicap das Leben schwer machen kann, erläutert die Diplom-Pädagogin an einem Beispiel: Ein Betroffener möchte für den Gemeinderat kandidieren. Formal ist das kein Problem. Aber ist sichergestellt, dass der Sitzungssaal in der Heimatgemeinde ohne Schwierigkeiten erreicht werden kann? Oder das Wählen selbst: "Wirbt eine Gemeinde damit, dass das Wahllokal barrierefrei erreicht werden kann, bezieht sie damit in der Regel auf Menschen, die nicht mobil sind. Was ist aber mit Menschen, die sehbehindert sind?" Für sie gebe es andere Barrieren als Stufen. Dasselbe gelte für Aufzüge: Sie nützten zwar jenen im Rollstuhl, für Blinde seien sie aber erst hilfreich, wenn die Stockwerke durchgesagt werden. "Da muss noch viel Wahrnehmungsarbeit geleistet werden", findet Hildmann.

Sie und Schwerer scheuen sich nicht davor, unbequem zu werden, wenn es sein muss. "Wir werden schon mal den Fuß oder den Rollstuhl in die Tür stellen", kündigt er an. Hildmann möchte kritische Fragen stellen sowie zum Nach- und Umdenken anregen. "Aber bekehren, das will ich nicht." Die Kirchzartenerin hofft, dass es irgendwann selbstverständlich wird, Menschen mit Handicap an allen Bereichen des Lebens teilhaben zu lassen und sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen. "Anders heißt nicht schlecht, sondern ist eine andere Form von gut."

Zu den Aufgaben des Behindertenbeirates gehört die Mitarbeit in verschiedenen Gremien. So engagieren sich beispielsweise Mitglieder in der Initiative Bahnhof ohne Barrieren (BOB), die sich für mehr, größere und dauerhaft funktionierende Aufzüge am Freiburger Hauptbahnhof sowie für barrierefreie Toiletten einsetzt. Ihre Kompetenz und Erfahrung möchten Mitglieder des Beirats außerdem im Netzwerk Inklusion und im Kreispflegeausschuss einbringen.

"Wir wollen nicht warten, bis ein Landesbehindertengleichstellungsgesetz etwas vorantreibt, sondern jetzt schon aktiv werden", betont Albrecht Schwerer. "Wir haben eine Stimme und können sie erheben", ergänzt Melanie Hildmann.

Beide freuen sich darüber, dass es vorwärts geht. Schwerer sagt: "Der Zug der Inklusion ist in Fahrt gekommen." Ein Wermutstropfen: "Nicht alle Entwicklungen sind unterstützenswert." Als Beispiel verweist er auf die Debatte um die Abschaffung von Förderschulen. "Nicht jeder ist in einer Regelschule gut aufgehoben, weil vielerorts noch Strukturen fehlen."

Funktionierende Beteiligungsstrukturen im Landkreis schaffen, das möchte der Behindertenbeirat. Schwerer spricht von einer Vision, dass in allen Gemeinden und Einrichtungen des Landkreises inklusive Kompetenz vorhanden ist. "Uns ist bewusst, dass das ein langer, schwieriger Weg ist und wir viel Geduld brauchen", gesteht Hildmann. In diesem Zusammenhang fällt ihr ein Liedtext von Alexandra Cremer ein: Die Barrieren in den Köpfen sind die Steine auf dem Weg. "Dazu passt doch das Goethe-Zitat: Auch mit Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."

DER BEHINDERTENBEIRAT

Ins Leben gerufen wurde der Behindertenbeirat des Landkreises vor vier Jahren. Vertreten sind darin Menschen mit verschiedenen Handicaps und psychischen oder chronischen Erkrankungen; Vertreter von Selbsthilfegruppen und Einrichtungen, die in der Behindertenhilfe tätig sind sowie Vertreter von Liga und Landkreis. Alle drei Jahre wird ein neuer Vorstand gewählt. Melanie Hildmann ist seit Anfang Juni Vorsitzende des Behindertenbeirates. Sie löst Olaf Kühn ab, der aus persönlichen Gründen aus diesem Amt ausgeschieden ist.

Wer den Beirat kontaktieren möchte, wendet sich am besten per E-Mail an: behindertenbeirat@diakonie-breisgau-hochschwarzwald.de  

Autor: kbl

Autor: Kathrin Blum