Wenn der Chef mit dem USB-Stick zum Planer fährt

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Di, 16. Oktober 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil diskutiert in Müllheim mit Wirtschaftsvertretern über die Herausforderungen der Digitalisierung.

MÜLLHEIM. Ein Thema, an dem keiner vorbeikommt und das nicht ausgesessen werden kann? Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Gesellschaft: Wie umfassend die digitalen Daten, ihr Transport, die Verwaltung und Sicherung in alle Lebensbereiche hineinspielt, wurde deutlich bei einer Podiumsdiskussion, zu der die SPD-Ortsgruppe Markgräflerland ins Müllheimer Bürgerhaus eingeladen hatte. Moderatorin und SPD-Kreisvorsitzende Birte Könnecke hatte hier auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil zu Gast. Er beschäftigt sich seit 2011 mit dem Thema und hat dafür ein Sechspunkteprogramm entworfen.

Mit in der Runde diskutierten Wolfram Seitz-Schüle, Geschäftsführer der Handwerkskammer Freiburg, Susanne Tröndle, Betriebsrätin der Sick AG, und Tobias Fuchs als Vertreter der Sulzburger Firma Hekatron Brandschutz, die zum siebten Mal den Preis als "Great Place To Work" für Deutschlands beste Arbeitgeber erhalten hat. Obwohl Einigkeit darin besteht, dass belastende Arbeiten etwa am Fließband automatisiert werden müssen, können sich nicht alle vorstellen, dass wegfallende Arbeitsplätze anderweitig aufgefangen werden können. Hier zeigte sich Klingbeil zuversichtlich: Digitalisierung ermögliche beispielsweise ortsunabhängiges Arbeiten, was die Zehntausenden von Stunden, die Pendler auf dem Weg zur oder von der Arbeit verbringen, drastisch verringern würde. Dazu bedürfe es nicht nur aufgeschlossener Firmenchefs, sondern auch eines flächendeckend ausgebauten Breitbandnetzes: Hier trügen vor allem die südlichen Bundesländer die rote Laterne. "Ich wünsche mir, dass wir über so etwas einmal mehr diskutieren als über Migration und Integration", sagte Klingbeil. Während in Deutschland erst 13 Prozent der Jobs mobil seien, hätten die Niederlande bereits ein Recht auf mobiles Arbeiten gesetzlich eingeführt.

Und wie sieht es im Handwerk aus, das ortsgebunden arbeiten muss? Der Fachkräftemangel hier habe seine Wurzeln im überforderten System der Berufsschulen, sagte Seitz-Schüle. Es arbeite nach gegenwärtigen Kriterien, müsse aber für morgen und übermorgen ausbilden. In vielen kleineren Betrieben herrsche auch noch digitale Steinzeit. Hier könnten überbetriebliche Einrichtungen wie die Gewerbeakademie helfen, Aspekte der Digitalisierung in die Firmen zu transportieren.

Zur Breitbandversorgung nannte Seitz-Schüle ein Beispiel: In einem metallverarbeitenden Betrieb mit Laser-Schweißtechnik fährt der Chef regelmäßig mit einem USB-Stick zum Planungsbüro und zurück, weil für die Datenmengen das Netz zu schwach sei – "so findet Industrie 4.0 in Südbaden statt". Das sei schon krass, so Klingbeil, vor allem, weil im Koalitionsvertrag über zehn Milliarden Euro für den Ausbau der Breitbandnetze festgelegt worden seien. Ein Rechtsanspruch auf Breitbandversorgung müsse kommen.

Dass sich die Wertschöpfungsketten verändern, bestätigte Tobias Fuchs. Vermehrt müsse auf Vernetzungsprozesse gesetzt werden, die durch die Digitalisierung in der Lage seien, etwa den "administrativen Wulst" von der tatsächlichen Arbeit zu entkoppeln. Mehr in Kooperationen zu handeln, entlaste vor allem kleinere Betriebe. Dass die Sulzburger Firma ihre Daten auf Servern in Zürich und Frankfurt verwalte, liege an der unzureichenden Netzkapazität vor Ort.

Dass es in der Arbeitswelt trotz Automatisierung noch Bereiche gebe, in denen Menschen den Robotern überlegen sind, machte Susanne Tröndle deutlich. Es gehe heute darum, was der Mitarbeiter künftig für seine Arbeit brauche. Mitarbeiter und Geschäftsleitung müssten Veränderungen und Weiterqualifizierung positiv gegenüberstehen. Dass jüngere Arbeitgeber in erster Linie nicht an der Höhe des Gehalts, sondern an einer flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit interessiert sind, "kommt bei uns jeden Tag an".

In der nachfolgenden Diskussion ging es lebhaft zu, wobei das von Klingbeil abgelehnte bedingungslose Grundeinkommen viel Zündstoff bot. Stattdessen machte er sich für ein soziales Grundeinkommen stark, das an Bedingungen wie ehrenamtliche Tätigkeit geknüpft ist. Für Klingbeil ist es wichtig, dass Europa autonom wird in Bezug auf Netz und Hardware, weil sich hier inzwischen eine Abhängigkeit von den Global Playern in den USA und China abzeichne.