3116 Kleindenkmale sind erfasst

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Do, 07. Dezember 2017

Kreis Emmendingen

Sechs Jahre lang suchten, beschrieben und sortierten 76 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer Kreuze, Brunnen und Wappen.

EMMENDINGEN. Zur Erfassung von mehr als 3000 Kleindenkmalen waren in den vergangenen sechs Jahren Dutzende von ehrenamtlichen Helfern im Landkreis unterwegs. Am Dienstag wurde im Landratsamt das Projekt mit einer kleiner Feier abgeschlossen.

Man stößt auf sie an Häusern, Wegkreuzungen oder auch im tiefsten Wald. Sie zieren Marktplätze und Fassaden, erzählen von Mord und Totschlag und mahnen zum Gebet: Kleindenkmale sind in unserer historischen Kulturlandschaft überall präsent, erzählen viele Geschichten und werfen manche Frage auf. Obwohl sie schon immer im Fokus von Regionalhistorikern und Heimatkundlern standen, fehlte bislang eine systematische landesweite Erfassung.

Im Frühjahr 2011 formierte sich eine Gruppe aus ehrenamtlichen Akteuren, die die Erfassung und Dokumentation im Landkreis Emmendingen in Angriff nahm. Mit Unterstützung des Landratsamts (Schirmherr: Landrat Hanno Hurth) wurde eine Kreiskoordinationsgruppe mit Obleuten aus allen sechs Verwaltungsräumen des Kreises eingerichtet und für 64 Gemarkungen Mitarbeiter gesucht. Rund 76 ehrenamtliche Erfasserinnen und Erfasser machten sich begeistert an die Arbeit und auf die Suche. Von 2013 an erfolgte die weitere Bearbeitung der Erfassungsdaten durch das Landesamt für Denkmalpflege, finanziell unterstützt vom Landkreis Emmendingen.

Kleindenkmale werden als "ortsfeste, freistehende, kleine von Menschen gefertigte Objekte" definiert, die einen Bezug zur Geschichte, zur Kulturlandschaft, zu Personen und Ereignissen haben. Wobei ihr Alter oder künstlerischer Wert nicht von Belang ist. Aus der Erfassung ausgeschlossen wurden in Absprache mit der Denkmalbehörde alle Kleindenkmale an Burgruinen und jüdischen Friedhöfen. Letztere werden anderweitig dokumentiert.

Von Beginn an stieß das Projekt auf starke Resonanz. In den vergangenen sechs Jahren wurden in 60 Gemarkungen 3116 Kleindenkmale erfasst. Auf mindestens 10 000 unentgeltliche Arbeitsstunden schätzt Projektkoordinator Ratold Moriell in seinem umfassenden Abschlussbericht den zeitlichen Aufwand.

Da die Zahl der aufgefundenen, nach festen Kriterien beschriebenen und erfassten Objekte auch vom Engagement der einzelnen Erfasser abhängig war, ist die Rangfolge der einzelnen Gemeinden zwar mit Vorsicht zu betrachten, die meisten Denkmale aber wurden in Bahlingen erfasst (412), gefolgt von Kenzingen (410) und Endingen (383).

Die zahlenmäßig stärkste Gruppe findet sich im Bereich Religion und Glauben. Vor allem in den ehemals vorderösterreichischen Orten dominieren sie (von den 104 Objekten in Biederbach etwa sind allein 87 diesem Themenbereich zuzuordnen). Besonders prächtig zeigen sich unter den vielen Wegkreuzen die sogenannten Arma-Christi- und Longinus-Kreuze im Elz- und Simonswäldertal. Sie tragen, oft bunt bemalt und detailliert ausgeschmückt, die Marterwerkzeuge der Passion. Der römische Legionär Longinus, der Jesus mit der Lanze in die Seite stieß, wird dabei auch schon einmal, wie beim besonders schönen Beispiel auf dem Schneiderhof in Yach, in badischer Uniform dargestellt. Kleinstkapellen, Mariengrotten, Stationswege oder auch die kleine Heiligenfiguren an den Hausfassaden in Wyhl und Forchheim gehören ebenfalls in diesen Bereich.

Eine dunkle Geschichte steckt meist hinter den Sühnekreuzen. Nach altem deutschen Recht wurde bei Totschlag zwischen der Familie des Getöteten und dem Täter ein Sühnevertrag abgeschlossen, der neben der Zahlung von Seelenmessen, Wallfahrten und Spenden auch die Errichtung eines kleinen Steinkreuzes am Ort des Verbrechens umfasste. Zehn Kreuze finden sich hier im Landkreis, etwa der Sichelstein in Nordweil, der Bäckermaidlistein in Teningen oder die Sühnekreuze von Bombach. 720 Grenzsteine wurden erfasst, oft wie es beispielsweise Theo Fleig aus Endingen erzählte, in äußerst unwegsamem Gebiet.

Aufgenommen wurden 600 "unselbständige" Denkmale

230 Brunnen unterschiedlichster Form, vom Schöpf-, Zieh- bis zum Laufbrunnen, wurden gezählt, 180 Denkmale erinnern an Kriege und ihre Opfer, von den Befreiungskriegen 1813 bis 1816 in Tennenbach über die "klassischen" Kriegerdenkmäler bis zu den Mahnmalen für die Opfer des Nationalsozialismus (etwa im Zentrum für Psychiatrie). Dazu kommen rund 600 "unselbständige" Kleindenkmale wie Inschriften, Hauszeichen, Wappen oder Jahreszahlen an Gebäuden.

Die schier unerschöpfliche Fundgrube für kulturhistorische Forschung wird nun vom Landesamt für Denkmalpflege aufgearbeitet und digitalisiert. Die Ergebnisse der Auswertung werden der Kreisverwaltung und den Gemeinden zur Verfügung gestellt. Bislang ist keine Buchpublikation geplant, die interessierte Öffentlichkeit soll aber die Unterlagen einsehen können. Die Lagedaten der Denkmale sollen im Geoinformationssystem des Landkreises aufgenommen werden.