Annäherung von Cannabis an Opiate

Andrea Strumberger

Von Andrea Strumberger

Do, 09. März 2017

Kreis Emmendingen

Die Jugend- und Drogenberatungsstelle Emma zieht Bilanz für 2016: Sorge, dass Jugendliche Drogen probieren, ohne zu wissen was.

EMMENDINGEN. Im vergangenen Jahr nahmen 592 Menschen Kontakt zu der Jugend- und Drogenberatungsstelle Emma in Emmendingen auf, welche auch Außenstellen in Waldkirch und Endingen hat. 263 Menschen kamen zu mehr als einem Gespräch. Insgesamt wurden 2260 Beratungsgespräche geführt. Marco Chiriatti, der Leiter der Einrichtung und sein Team präsentierten am Dienstag die Jahresbilanz 2016.

"Emma ist im Landkreis sehr bekannt", erzählt der Leiter der Jugend- und Drogenberatungsstelle und vergleicht sie mit der Marke Tempo, die in der Umgangssprache als Synonym für das Papiertaschentuch gilt. Im vergangenen Jahr hat Emma fast 800 Schüler mit Informationen über Drogen und Sucht erreicht. Chiriatti erklärt, dass sie möglichst viele Schüler erreichen wollen, damit sie die Beratungsstelle "googeln können, wenn was ist".

Statistiken sollten nicht als Fakten wahrgenommen werden. Am Anfang des Jahres 2017 sollen Medien, wie die Tageszeitung Die Welt, darüber berichtet haben, dass die Drogenkriminalität an Schulen steige. Chiriatti sagt, dass es sich laut Bundeskriminalamt bei Drogendelikten um Kontrolldelikte handelt. Das bedeute, dass je intensiver behördliche Überprüfungen stattfinden, desto mehr Fälle automatisch aufgedeckt werden. Außerdem wisse man nicht, ob es sich bei den Konsumenten tatsächlich um Schüler handele oder generell um Menschen, welche in Schulhofnähe konsumieren.

Chiriatti bringt jedoch auch zum Ausdruck, wie erschreckend es sei, dass teilweise schon Minderjährige Drogen konsumierten − "nicht wissen, was es ist, aber probieren es". Also "junge Menschen quasi die Katze im Sack..." "...sich rein pfeifen", ergänzt Martin Fischer. Familienvater Chiriatti macht sich Sorgen. Darüber, "wie sorglos junge Leute etwas konsumieren, was ihnen angeboten wird". Auch hier ergänzt Fischer, "ohne sich zu informieren".

Die Tendenz, dass die Mitarbeiter der Jugend- und Drogenberatungsstelle immer jüngere Konsumierende erreichen, setzt sich fort. Im Jahr 2015 waren zehn Jugendlichen unter 18 Jahren dabei. Ein Jahr später waren es schon 18. Insgesamt sind es 96 junge Leute von den 263 Personen in Beratung, die unter das Kinder- und Jugendschutzgesetz fallen, also jünger als 27 Jahre alt sind.

Auch näherten sich die Zahlen der Hauptdiagnose Cannabis, den Zahlen der Hauptdiagnose Opiate an. Eine Hauptdiagnose muss gestellt werden, besonders dann, wenn ein Mensch verschiedene Suchtmittel zu sich nimmt. Am Ende des Jahres 2016 lagen sie schon nahezu auf gleicher Stelle. Von 263 Menschen in der Beratung wurden bei 93 Menschen Opiate als Hauptdiagnose gestellt und bei 89 Personen Cannabis. Diese Annäherung liege daran, dass sich die Anzahl der Menschen, welche hauptsächlich Cannabis konsumieren, erhöht habe. Gleichzeitig sei die Zahl der Konsumenten mit Opium als Hauptdiagnose gesunken. Chiriatti sagt, er halte es für möglich, dass im Laufe der Jahre die Zahl der Hauptdiagnose Cannabis die der Opiate einholen könnte.

Designerdrogen: Wettlauf um neue Zusammensetzung

Auch in diesem Jahr war ein ehemaliger Konsument bei der Präsentation der Jahresbilanz dabei. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die neuen Desingnerdrogen stärker seien und mehr Nebenwirkungen hätten, berichtetet er. Es sei ein "Wettlauf", denn sobald eine Formel im Betäubungsmittelgesetz erfasst und die Substanz somit illegal werde, erstellten Kriminelle bereits eine neue Formel. Auch landen aufgrund dieser unbekannten, starken Drogen "viele junge Menschen in psychiatrischer Behandlung", wie Chiriatti mitteilt. Beliebt sei auch der Mischkonsum von Cannabis und Amphetaminen. Die Amphetamine pushen auf, Cannabis bewirkt das Gegenteil. Aber Drogen seien "keine Hustenbonbons", sagt Chiriatti. Der Konsument ende "möglicherweise in der Psychiatrie".

Dauerhafte präventive Wirkung im Umfeld bei Eltern oder Lehrern bedeutet für Chiriatti erfolgreiche Arbeit. Die fasst er so zusammen: "Wir tun hauptsächlich informieren." Dabei "versuchen wir, ehrlich zu informieren". Dabei ginge nicht um die strikte Trennung zwischen legal und illegal. Emma wolle "ohne erhobenen Zeigefinger beraten". "Die Jungen sind Spiegelbild von uns Alten", sagt Chiriatti und bringt zum Ausdruck, dass nicht nur Drogen damit gemeint seien. Beim so genannten Media Check wird das Mediennutzungsverhalten, zum Beispiel von Smartphones, ermittelt. Oft kämen Eltern wegen ihres Sohnes. Dabei stelle sich immer wieder ein Familienthema heraus: Kinder nehmen sich Eltern als Vorbild.