"Dieses Land ist Teil des Konflikts"

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Do, 13. September 2018

Kreis Emmendingen

BZ-INTERVIEWmit dem Palästinenser Daoud Nassar über sein Friedensprojekt "Tent of nations" / Vortrag am Freitag in Emmendingen.

KREIS EMMENDINGEN. "Wir weigern uns Feinde zu sein" – in mehreren Sprachen steht dieses Motto des privaten palästinensischen Friedensprojekts "Tent of nations" in der Nähe von Bethlehem auf großen Felsbrocken. Das Land steht unter israelischer Verwaltung. Trotz gerichtlicher Auseinandersetzungen und Zerstörungen gibt Projektleiter Daoud Nassar nicht auf. Am Freitag berichtet er in einem Vortrag in Emmendingen über das Projekt und den Kampf um das Gelände. Markus Zimmermann stellte ihm im Vorfeld einige Fragen.

BZ: Herr Nassar, haben Sie keine Angst, es könnte während Ihrer Abwesenheit bei Ihnen zu Hause etwas passieren?

Nassar: Eigentlich nicht. Außer mir ist ja die ganze Familie vor Ort. Außerdem liegt der letzte Übergriff von Siedlern schon länger zurück, das war 2002. Als 2014 mehrere hundert Bäume zerstört wurden, während ich auf Vortragsreise in den USA war, war es das Militär mit der Begründung, diese würden auf Staatsgebiet stehen. Die folgenden Verfahren vor dem Militärgericht und dem Obersten Israelischen Gericht sind zwar noch nicht entschieden, doch allein schon die Tatsache, dass verhandelt wird, dürfte vorerst Wiederholungen verhindern.

BZ: Gefährdet ist die Farm Ihrer Familie besonders, weil die 42 Hektar in der Zone C der von Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg besetzten Gebiete liegen. Was bedeutet das konkret?

Nassar: Seit den Oslo-Verträgen Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts gibt es drei Zonen. In der Zone A, das sind überwiegend die Palästinensischen Städte, gibt es die Selbstverwaltung. In der Zone B, den palästinensischen Dörfern, wird die Zivilverwaltung von Palästinensern ausgeübt, jedoch unter den Augen der israelischen Militärverwaltung. Die Gebiete der Zone C sind komplett unter israelischer Kontrolle. Das bedeutet Landenteignung, keine Stromversorgung und Frischwasserleitung und keine Baugenehmigungen. Im Gegenteil: Wir haben Abrissbefehle, sogar für Zelte.

BZ: Warum hatte der Widerstand gegen all dies bisher überhaupt Erfolg?

Nassar: Menschen, die in schwierigen Situationen ohne Hoffnung auf Verbesserung leben, reagieren normalerweise mit Gewalt, Resignation oder Weggehen. Wir haben uns für einen vierten Weg entschieden. Wir weigern uns, Opfer der Situation zu sein, zu hassen. Im Gegenteil: Wir agieren im Vertrauen darauf, dass es Gerechtigkeit gibt. Das heißt, auf die eigenen Beine zu stehen, gewaltlos aktiv zu werden und negative Erfahrungen in positive Energie umzuwandeln.

BZ: "Tent of nations" – das ist einmal die Farm, aber noch viel mehr. Können Sie das kurz beschreiben?

Nassar: Da ist die Farm, für die wir Besitzurkunden seit dem Jahr 1916 haben. Dieses Land ist Teil des Konflikts und es geht uns um eine Heilung des Konflikts. Dabei sehen wir zwei Ebenen. Den Konflikt zwischen Mensch und Land, den wir durch eine verantwortliche, nachhaltige Bewirtschaftung lösen wollen. Sei es, wenn wir mit Freiwilligen aus aller Welt Pflanz- und Erntecamps machen oder mit Kindern und Jugendlichen aus der Region bei den Sommercamps auch Fragen des Umweltschutzes, des Recycling und der Nachhaltigkeit behandeln. Themen, die wie alles praktische Arbeiten in den Schulen zu kurz kommen.

BZ: Was gehört noch zu Ihrer Arbeit?

Nasser: Heilen ist für uns auch wichtig beim Verhältnis von Mensch zu Mensch. Deshalb arbeiten wir mit traumatisierten Kindern, um ihnen mit Musik und künstlerischer Beschäftigung positive Erfahrungen zu vermitteln. Positive Erfahrungen, die dann auch motivieren, im eigenen Leben positive Veränderungen bewirken zu wollen. Das Gleiche gilt für die Frauenprojekte, bei denen die, die in ihren Dörfern keine Ausbildung erhalten, Englisch- oder Computerkurse belegen können. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Inhalte, sondern um die Erfahrung einer positiven Entwicklung. Das kann Mut machen, die eigenen Talente zu entdecken.

BZ: Bis zum 20. September sind Sie auf Vortragsreise im deutschsprachigen Raum. Wie wichtig ist die internationale Unterstützung?

Nassar: Sehr wichtig, denn die internationale Aufmerksamkeit sorgt für wachsame Augen. Die Präsenz von Menschen aus aller Welt bei uns, von Besuchern und Freiwilligen, trägt auch dazu bei. Ich sehe die Kontakte aber nicht als Einbahnstraße. Überall auf der Welt gibt es Menschen in schwierigen Situationen und "Tent of nations" ist lebendiges Beispiel für Hoffnung auf eine bessere Zukunft, dafür, nicht Opfer seiner Lebensumstände bleiben zu müssen. Es kann motivierend sein, gewaltlos etwas positiv zu verändern.

BZ: Wie sehr hat das Motto – die Weigerung, in das klassische Feindbild-Schema abzugleiten, zum Erfolg beigetragen?

Nassar: Wenn Menschen getrennt leben, dann ist es leicht, Feindbilder zu pflegen. Wenn ich aber dem sogenannten Feind ins Gesicht blicke, im Auge in Auge begegne, sehe ich in ihm den Menschen. Menschen als Menschen begegnen, das eröffnet den Weg in eine bessere Zukunft.

BZ: Woher nehmen Sie die Kraft trotz der zahlreichen Anfeindungen?

Nassar: Sicher auch aus dem christlichen Glauben, der uns zu Gewaltlosigkeit auffordert und zum Überwinden des Bösen. Böses, Hass, können nicht durch Böses und Hass überwunden werden. Ganz ehrlich: Es ist ein schwieriger Weg mit einem ständigen Auf und Ab und es ist ein langer Weg kleiner Schritte. Doch wie beim Bauer, der die Hand an den Pflug legt, geht es darum, nach vorn zu schauen.

Daoud Nassar (47) wurde in Beit Dschala geboren, wo er eine deutsche Schule besuchte. Nach der Matura in Österreich studierte er Betriebswirtschaft in Bethlehem und Tourismus in Bielefeld. Er ist Gründer und Leiter des Friedensprojekts "Tent of nations" – übersetzt: "Zelt der Völker".