Glaube spiegelt sich nicht in Kleidern

Ute Schöler

Von Ute Schöler

Fr, 29. Juni 2018

Kreis Emmendingen

Vortrag und Workshop über Bild und Selbstbild muslimischer Frauen / Umstände prägen mehr als Religion die Lebensentwürfe.

EMMENDINGEN. Unter dem Titel "Muslimische Frauen in Deutschland" hatte die Servicestelle Ehrenamt von Caritas und Diakonie am Dienstag die Islamwissenschaftlerin Ayse Almila Akca (Freiburg) eingeladen. Der in Vortrag und Workshops gegliederte Abend im Gemeindesaal St. Bonifatius stieß auf reges Interesse. Thema: Bild und Selbstbild muslimischer Frauen.

Ayse Almila Akca, die als Politik- und Islamwissenschaftlerin über religiöses Wissen und den Dialog islamischer Gemeinden mit Kirchen und Kommunen in Baden-Württemberg forscht, führte in das Thema mit einem Vortrag ein. Kurzweilig unterstrichen Videosequenzen der Berliner Satiregruppe "Datteltäter" die vorgetragenen Denkanstöße.

Anhand von Medienbildern, empirischen Forschungsergebnissen verschiedener Institute und eigener Alltagserfahrungen vermittelte Akca anschaulich, wie interkulturelle Dialoge immer wieder an Stereotypen scheitern. "Religion wird oft als alleinige Triebkraft für das Handeln eines Menschen gesehen", erläuterte Akca. Auf eine vermeintliche religiöse Identität reduziert, werde das Individuum nicht mehr wahrgenommen. Kommunikation und Integration werden erschwert.

In eigenen Umfragen unter Jugendlichen habe sie festgestellt, erzählte Akca beispielhaft, dass die Selbstdefinition junger Frauen als "sehr gläubig" sich offenbar nicht in der Kleidung widerspiegele. Studienergebnisse über die Auswirkungen ausländischer Namen und die Beweggründe von Unternehmen, etwa Frauen mit Kopftuch nicht einzustellen, stellte Akca unterschiedlichen Gerichtsurteilen gegenüber.

Zum Stichwort Emanzipation, welches von Akca mit Statistiken illustriert und mit den Teilnehmerinnen differenziert erörtert wurde, zeigte sich, dass unterschiedliche Lebensentwürfe muslimisch wie christlich geprägter Frauen weniger von der religiösen Zugehörigkeit als von Lebensumständen, Bildungsgeschichte und eigener Willenskraft abhängen.

Eine aus dem Irak stammende Teilnehmerin bestätigte diese Tatsache: Zwar trage sie Hijab (Kopftuch), habe aber in ihrem Land als OP-Schwester in einem Krankenhaus gearbeitet und auch Nachtdienst gemacht. Nun wolle sie studieren und besuche deswegen neben ihren Deutschkursen die Abendschule. Zugleich widme sie sich aber gern der Familie, auch in der Küche. Von ihrem Mann werde sie in jeder Hinsicht unterstützt.

Anhand verschiedener Texte erarbeiteten die rund 40 Teilnehmerinnen mit und ohne eigene Migrationsgeschichte gruppenweise die große Bandbreite muslimischer Haltungen und analysierten die dort vertretenen Frauenbilder beziehungsweise Ansätze von Emanzipation. Die bereitgestellten, sehr interessanten Texte reichten von einer auf der interkulturellen Seite qantara.de veröffentlichten Vorstellung des Buches "Islamische Feminismen" von Zahra Ali über den islamischem Feminismus in verschiedenen Ländern bis hin zu Auszügen aus einer salafistisch geprägten, konservativen Internetverbindung zur Lebensberatung. Da es keine oberste Instanz für Koranauslegung gebe, sagte Akca, seien die Interpretationen entsprechend unterschiedlich.

In der Leitfrage "Was fördert und was hindert die Emanzipation muslimischer Frauen in Deutschland?" kamen die Teilnehmerinnen überein, dass Emanzipation ein gesellschaftlicher und persönlicher Prozess sei, der nicht übergestülpt werden könne. Auch sei das Empfinden von Freiheit individuell unterschiedlich. Einige Redebeiträge erinnerten daran, dass auch in den christlichen Religionsgemeinschaften die Emanzipation ein recht junger und keineswegs abgeschlossener Prozess sei. Eine Teilnehmerin schloss mit einem klaren Fazit: "Es gibt nicht die Muslimin, es gibt nicht die Christin. Es geht darum, die Trennung in ,die’ und ,wir’ mal aufzulösen."

In ihrem Schlusswort griff Edith Kulzer-Schwab, die die Frauenprojekte für die Caritas leitet, diesen Gedanken auf und überreichte der Referentin als Dank für ihre Arbeit die Symbolmünze "Engel der Kulturen" mit den Zeichen der drei abrahamitischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum.