BZ-Interview

Emmendinger Verein organisiert seit 15 Jahren Hilfsprojekte im Jemen

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Sa, 28. Oktober 2017 um 09:46 Uhr

Kreis Emmendingen

Der Jemen versinkt im Bürgerkrieg, die Bevölkerung leidet. Matthias Leibbrand hilft dem Land mit seinem Emmendinger Verein Vision Hope mit Hilfsprojekten. Hier erzählt er über seinen Antrieb.

Spendensammler gibt es viele, doch um von Institutionen wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu profitieren, muss eine Hilfsorganisationen erst Erfolge vorweisen. Der Verein Vision Hope International mit Sitz in Emmendingen hat das geschafft. Er unterstützt Menschen im Jemen, Tunesien, Jordanien und Syrien. In diesem Jahr wird er 15 Jahre alt und erreicht erstmals eine Fördersumme von zehn Millionen Euro. Geschäftsführer Matthias Leibbrand hat Anika Maldacker vom Weg dahin erzählt.

BZ: Herr Leibbrand, ihr erstes Projekt war die Sanierung einer Grundschule in der jemenitischen Region Hajjah. Wie engagieren Sie sich heute im Jemen?

Leibbrand: Wir leisten dort seit 2002 bis heute durchgängige Projektarbeit. Ich habe selbst mit unseren vier Kinder bis 2010 im Jemen gelebt. In der Zeit vor Ort haben wir Strukturen geschaffen und Personal ausgebildet, das nun selbstständig für Vision Hope Projekte betreut. Dadurch können wir mit großen Organisationen wie der UNO zusammenarbeiten. Im Jemen herrscht derzeit eine große Hungersnot, zudem eine enorme Choleraepidemie. Wir leisten medizinische Hilfe und verteilen Lebensmittel.

BZ: Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Leibbrand: Darauf, dass wir in Bergdörfern auf dem Land zusammen mit der lokalen Bevölkerung Wasserzisternen gebaut haben. Damit wird während der Monsunzeit Regenwasser aufgefangen. Den Menschen vor Ort haben wir erklärt, wie die Trinkwasseraufbereitung funktioniert und Wasserfilter gegeben. Der Jemen ist ein sehr wasserarmes Land. Die Zisternen hatten einen tollen Nebeneffekt: Das Wasserholen ist Aufgabe der Frauen und Mädchen und da es vor dem Zisternenbau lange dauerte, gingen sie nicht in die Schule. Das hat sich mit den Zisternen geändert.

BZ: Fast 18 der 27 Millionen Jemeniten hängen derzeit von humanitärer Hilfe ab. Wie berührt Sie die dramatische Situation persönlich?

Leibbrand: Ich stehe fast täglich mit meinen Mitarbeitern und Bekannten vor Ort im Gespräch und mir blutet natürlich das Herz. Ich kenne das Land seit 18 Jahren. Dort spielt sich derzeit eine der größten humanitären Katastrophen der Welt ab und dennoch berührt dieser Konflikt niemanden. Aber andererseits ist die Not eine Motivation für mich, mit Vision Hope weiterzumachen. Mit unseren Projekten schaffen wir Arbeitsplätze vor Ort und helfen, vor allem Frauen und Kindern. Derzeit sind 300 Menschen im Jemen durch unsere Organisation beschäftigt. Ich selbst war allerdings seit fünf Jahren nicht mehr im Land. Ein gewisses Risiko bin ich in der Nothilfe bereit zu tragen. Doch 2010 habe ich mit meiner Familie das Land verlassen, auch weil es gezielt Entführungen und Morde an Ausländern gab.

BZ: Vor 15 Jahren haben Sie mit 17 Mitstreitern Vision Hope in Lahr gegründet. Wie schafft man es, als kleine Organisation Partner der UNO zu werden?

Leibbrand: Das ist ein Prozess, als kleine Organisation hat man keine Chance. Man muss, um vom BMZ gefördert zu werden, drei Jahre lang kleine Projekte in Eigenregie absolviert haben. Dann kann man sich bei der Fördersumme hocharbeiten. Als wir die ersten Fördermittel vom BMZ bekamen, waren das 37 500 Euro. Nun sind wir in der höchsten Fördertranche und können auch Projekte mit einem Wert von 500 000 Euro einreichen. Ein aktuelles Landwirtschaftsprojekt für den Jemen hat ein Fördervolumen von vier Millionen Euro, davon müssen zehn Prozent private Spenden sein. Für die Spender heißt das aber auch, dass ein Spendeneuro verzehnfacht wird. Damit können wir die rund 400 Personen, die weltweit für Vision Hope und Partnerorganisationen arbeiten, bezahlen und vor Ort helfen. Acht Prozent der Spenden erhalten wir von Privatpersonen, Firmen und Kirchen. Die sind auch wichtig, weil wir im Gegensatz zum Geld der Institutionen selbst entscheiden können, wo sie nötig sind und damit Leben retten können.

BZ: Wie kam es 2002 zur Gründung?

Leibbrand: Ich habe damals für eine kleine Hilfsorganisation im Jemen gearbeitet und meinem Freundeskreis in Lahr, Emmendingen und der Umgebung davon erzählt. Sie wollten einem eher unbekannten Land wie dem Jemen helfen. Aus den ursprünglich 17 sind nun rund 70 Mitglieder geworden, inzwischen aus ganz Deutschland. Viele der ersten sind noch aktiv dabei wie der Ringsheimer Bürgermeister Heinrich Dixa.

Zur Person: Matthias Leibbrand, 49 Jahre alt, vier Kinder, ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des von ihm gegründeten Vereins Vision Hope International e.V.. Er studierte Forstwissenschaft in Freiburg, arbeitet seit 1996 in der Entwicklungszusammenarbeit und derzeit in der Türkei für den Syria Recovery Trust Fund.