Realität und Idealbild sind zweierlei

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Fr, 17. November 2017

Kreis Emmendingen

Ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit sowie Geflüchtete sprechen über unterschiedliche Perspektiven.

EMMENDINGEN. "Es war ein rundum gelungener, interessanter und gut organisierter Fachtag", resümiert Sibylle Loeben aus Endingen das Treffen von Ehren- und Hauptamtlichen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind sowie Geflüchteten. Eingeladen hatten dazu die Servicestellen von Diakonie und Caritas. Rund 30 Ehrenamtliche und Geflüchtete nahmen daran teil.

Mit "Blickwechsel" war der Fachtag überschrieben. Dabei ging es nicht nur darum, den Blickwinkel, die Perspektive von Geflüchteten einzunehmen, um diese besser verstehen zu können. Ein wichtiger Aspekt war es, den Blick für die jeweilige Situation von Ehren- und Hauptamtlichen zu öffnen.

"Die Realität entspricht keineswegs dem Idealbild, dass Ehren- und Hauptamt zwei Seiten eines funktionierenden Hilfesystems sind, das gemeinsam gestaltet wird, in dem sich beide gegenseitig ergänzen und eng zusammenarbeiten", konstatierte Referent Ernst-Ludwig Iskenius. Vielmehr sei das Tätigkeitsfeld durchzogen von Konfliktfeldern: Vorbehalte und Vorwürfe, unausgesprochenen Erwartungen, mangelnde gegenseitige Anerkennung und unklare Verlässlichkeiten belasten das Zusammenarbeiten. Ursächlich seien dabei neben persönlichen Gründen auch strukturelle, institutionelle, finanzielle und gesellschaftliche Bedingungen. Gegenseitiger Austausch ist notwendig, um Verständnis füreinander zu finden, wies Iskenius einen Weg aus der möglichen Verstrickung auf. Letztlich brauche es mehr Transparenz, um auch von den Zwängen, den Herausforderungen des jeweils anderen zu wissen und um Entscheidungen zu erklären.

Ein erster Ansatz dazu bot der Fachtag, denn in kleinen Gesprächsrunden konnten offene Fragen und Probleme aufgegriffen werden. Schwierig für die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit ist, wie deutlich wurde, eine sehr hohe Fluktuation bei den Hauptamtlichen. "Die leisten sehr viel, viele weit mehr als ihre Kraft erlaubt, doch dann ist plötzlich keiner mehr da", sagte eine Ehrenamtliche. Wechselnde Personen und Zuständigkeiten seien belastend.

Noch gravierender wurde empfunden, dass es an geeigneten Dolmetschern mangele. "Eine Begegnung auf Augenhöhe ist nicht möglich, wenn man sich nicht verständigen kann", wurde kritisiert. Ein Problem, das sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche haben.

Iskenius: Kinder haben als Dolmetscher nichts zu suchen

"Das Ehrenamt muss in dieser Frage auch lauter, deutlicher werden", forderte Iskenius, der als Arzt auch mit traumatisierten Flüchtlingen arbeitet. "Kinder haben als Dolmetscher nichts zu suchen. Sie diese Aufgabe übernehmen zu lassen, ist Kindesmissbrauch", erklärte er unmissverständlich. Er kenne aus seiner Praxis Fälle von Kindern, die an Belastungsfaktoren erkrankt seien.

Ergänzend behandelte der Fachtag aber auch andere Themen. "Die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen", bezeichnete Sibylle Loeben als sehr wichtig. Essentielle Informationen habe sie darüber hinaus im Workshop zu asyl- und ausländerrechtlichen Entwicklungen erhalten.

Für Bernhold Baumgartner aus Denzlingen war es wertvoll, den Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen näher zu beleuchten. "Trauma ist eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation", sagte Utta Link vom Diakonischen Werk.

Tröstlich war der Beitrag eines Flüchtlings, der eingeladen war, die Tagung zu beobachten. "Wir sind ganz normale Menschen und im Umgang mit uns dürfen Ehren- und Hauptamtliche auch Fehler machen", reduzierte er mögliche Ansprüche. Nachsicht bei sich selbst und anderen könne vieles erleichtern.