Renaissance für das Spalierobst

Christa Hülter-Hassler

Von Christa Hülter-Hassler

Fr, 09. Juni 2017

Kreis Emmendingen

Neues Holzspalier im Lehrgarten / Sommerriss für Bäume: Was für den Laien brutal aussieht, schont den Baum.

KREIS EMMENDINGEN. Im Jahresprogramm der monatlichen Informationsveranstaltungen des Emmendinger Kreisverbandes Obstbau, Garten und Landschaft (Kogl) im Kenzinger Lehrgarten stand "Fruchtausdünnung" als Juni-Thema. Doch diese Maßnahme hat sich nach dem Frost im Frühjahr erübrigt - Früchte gibt es nicht mehr. Nichtsdestotrotz gab es für die Besucher der zweistündigen Exkursion viel zu lernen.

Für den interessierten Laien sieht der Vorgang brutal aus: Da greift Kogl-Vorsitzender Lothar Herb, ohne lange zu fackeln, in den Apfelbaum und reißt junge Triebe aus dessen Krone. Die Schere zieht er erst aus der Tasche, als er am älteren Holz kleinere Korrekturmaßnahmen vornimmt.

"Sommerriss" heißt diese Methode im Fachjargon. Die rund 30 Teilnehmer der Informationsveranstaltung erfahren nicht nur, wie man das Abreißen fachgerecht bewerkstelligt, sondern auch, warum man es macht: "Wenn Bäume keine Früchte tragen, stecken sie unverhältnismäßig viel Energie ins Wachstum der Triebe" erklärt Obstbauberaterin Eva Rentschler. Wenn man die einjährigen Triebe abreiße oder knicke, beruhige man den Baum. Der so in seinem Eifer Gebremste spart Energie, weil er das Grün nicht bis in den Winter hinein versorgen muss, damit es dann weggeschnitten werde. Was viele Zuhörer erstaunt: "Risswunden heilen besser als Schnittwunden", wie die Beraterin erklärt. Außerdem erfolge an den Risswunden kein Neuaustrieb und die Wundheilung sei in der Wachstumsperiode generell besser als im Winter.

"Es ist unglaublich, was man hier lernen kann!" sagt Barbara Schüler. Die Königschaffhauserin kommt inzwischen regelmäßig zu den Informationsveranstaltungen und ist so begeistert, dass sie sich nun auch zur Fachwartin für Obst und Garten weiterbilden will. Dafür werden über einen Zeitraum von 13 Monaten an je 20 Kursabenden und Samstags-Praxiskursen alle Arbeiten rund ums Jahr in Theorie und Praxis gelehrt und geübt.

Viele der Hobbygärtner und frisch ausgebildeten Fachwarte sind von der Idee und dem Gemeinschaftsgeist infiziert und engagieren sich selbst im Lehrgarten. Elke Mörder ist eine von ihnen. "Dieses wertvolle Wissen darf nicht verloren gehen!" sagt sie. Aus dieser Überzeugung heraus bringt sie sich auch ein, wenn nach den Veranstaltungen zu einer geselligen Runde mit Fachsimpeln am Gartenhäuschen mit Kuchen und Apfelmost eingeladen wird.

Auf große Aufmerksamkeit stößt das neu aufgebaute Holzspalier im Lehrgarten. "Der Spalierobstbau erlebt derzeit eine Renaissance!" beobachtet Eva Rentschler. Auf den Gartenschauen werden diese historisch äußerst interessanten Obsterziehungsmethoden wieder vermehrt gezeigt. Im Spalierobstbau spielt der Sommerschnitt eine besonders wichtige Rolle.

"Die ideale Erziehungsform für kleine Gärten"

Um die Bäume fachgerecht in die Breite zu ziehen, braucht es aber einiges mehr an Wissen, das der Lehrgarten jetzt vermitteln will. "Es ist eine ideale Erziehungsform für kleinere Gärten!" so Rentschler. Für viele ältere Leute seien die unvergleichlich köstlichen Birnen aus einer Spalieranlage eine schöne Kindheitserinnerung. Im Kenzinger Garten werden solche Träume Wirklichkeit: Junge Apfel- Birnen- Zwetschgen- und Kirschbäume warten auf ihre "Erziehung" am Spalier.

An diesem Abend lernen die Besucher noch viel mehr: Beispielsweise nehmen sie die Versuche mit verschiedenen Mulchmaterialien wie Stroh, Grünschnitt oder Schafwolle unterm Beerenobst in Augenschein oder erfahren, warum man den Engerlingen im Kompost nicht den Garaus machen soll: "Die sind nie vom Maikäfer, sondern vom harmlosen grün schillernden Rosenkäfer", erklärt Otto König. Wie sagt Barbara Schüler: "Man nimmt aus jedem Besuch hier etwas mit nach Hause!"