Selbsthilfe ist kein Schlagwort

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Di, 20. Juni 2017

Kreis Emmendingen

Das von der Emmendinger Stiftung Brücke geförderte Projekt "Millenniumsdorf" Harguzirpar ist eine Erfolgsgeschichte.

KREIS EMMENDINGEN. Es ist fast ein Wunder und eine Erfolgsgeschichte, auf die sogar die Vereinten Nationen aufmerksam wurden. Das ehrgeizige Entwicklungsprojekt der Hilfsorganisation Mati im Norden von Bangladesch war Thema eines Treffens in New York, zu dem der Projektleiter eingeladen wurde. Sechs Jahre dauerte der Prozess der Hilfe zur Selbsthilfe, um Hunger und extreme Armut in dem kleinen Dorf Harguzirpar zu beseitigen. Daran beteiligt waren auch die Emmendinger Stiftung Brücke und die BZ-Weihnachtsaktion.

Es ist fast nichts mehr, wie es war, als das Projekt 2009 angeschoben wurde, um exemplarisch die von den Vereinten Nationen ausgerufenen Entwicklungsziele zur Jahrtausendwende zu realisieren (siehe Infobox). Damals lebten etwa 1500 Menschen in 300 zu 70 Prozent verarmten Haushalten in dem Dorf im Norden des Staates, der zu den ärmsten und am dichtesten bevölkerten Regionen der Erde zählt. In Gesprächen mit der skeptischen Dorfversammlung wurden zunächst Ideen gesammelt, wie die Probleme angegangen werden könnten. "Das war am Anfang recht zäh", erinnert sich Andrea Rahaman, die zusammen mit ihrem Mann Lenen für Mati das Projekt leitet und nun am Dienstag in Emmendingen darüber berichtet. In vielen Sitzungen galt es, Überzeugungsarbeit zu leisten und vor allem das Misstrauen der Männer abzubauen. "Wir wollten ihnen nicht vorschreiben, was sie maschen sollten, sondern ihre Eigeninitiative wecken", so die 38-jährige Mutter dreier Kinder, die seit 2005 in Bangladesch lebt.

Im Laufe der Zeit wurden die Vorstellungen und Pläne immer konkreter: Die Einrichtung einer Grundschule, eine Versorgung mit frischem Trinkwasser und eine Nähausbildung für die Frauen standen auf der Wunschliste. Die waren bislang meist ohne eigenes Einkommen und wurden in frühester Jugend schon zwangsverheiratet. Entsprechend hoch war die Sterblichkeit in Harguzirpar. Heute gibt es keinen einzigen Fall mehr von Müttern, die bei der Geburt Kind oder eigenes Leben verlieren, die Kinder gehen zur Schule, es gibt medizinische Helfer zur Gesundheitsversorgung, Toiletten und frisches Wasser und die Frauen haben eine berufliche Perspektive.

Was wie ein Wunder klingt, ist das Ergebnis harter Arbeit und eines spannenden gemeinsamen Wegs und Austauschs der Helfer mit der Bevölkerung vor Ort. Gezielt wurden einkommensschaffende Maßnahmen gefördert, die Näherinnen erhielten zinslose Kleinkredite, um sich selbständig machen und die nötigen Maschinen anschaffen zu können. Rund 100 000 Euro, so schätzt Andrea Rahaman, flossen in das Mati-Projekt. Neben größeren Geldgebern wie Misereor und Caritas engagierte sich auch die Emmendinger Stiftung Brücke mit eigenen Mitteln und Zuwendungen aus der BZ-Weihnachtsaktion. "Es ist gelungen, die Menschen mit Patenschaften einzubeziehen, Hilfe zur Selbsthilfe blieb hier kein Schlagwort", freut sich Stiftungsvorsitzender Peter Haas. Dass die Einwohner des Dorfes selbst davon überzeugt sind, es geschafft zu haben, ist für den 80-Jährigen eine wichtige Rückmeldung. Bei einer Selbsteinschätzung zum Projektende äußerten sich 90 Prozent, dass sich vor allem die Ernährungssituation von schlecht zu sehr gut entwickelt habe. "Das hatten wir in dieser Deutlichkeit nicht erwartet". Statt Reis mit scharfer Sauce gibt es heute ausgewogene Mahlzeiten. Die Beseitigung des Hungers hatte als Entwicklungsziel oberste Priorität. "Denn ohne ausreichende Ernährung und sauberes Trinkwasser sind die Menschen nicht in der Lage, aus eigener Kraft ihre Lebensverhältnisse zu ändern".

Info: Nach sechsjähriger Arbeit stellen die Leiter des Projektes, Andrea und Lenen Rahaman das Projekt bei einer Informationsveranstaltung am Dienstag, 20. Juni, um 19.30 Uhr im Emmendinger Schlosskeller vor. Der Eintritt ist frei, Spenden für die Arbeit der Stiftung Brücke sind willkommen.