Kinderbuchmesse

Autor Salah Naoura über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 11. November 2018 um 11:28 Uhr

Kreis Lörrach

Der Sonntag Der Berliner Kinderbuch-Autor Salah Naoura stellt sein Werk "Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" vor. Über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge spricht er im Interview.

Bei der 27. Lörracher Kinderbuchmesse LeseLust stehen "wahre und echt erfundene, ernsthaft gelogene, unsinnige und Quatsch-Geschichten" im Zentrum. Der Berliner Kinderbuchautor Salah Naoura stellt unter anderem sein vielfach ausgezeichnetes Werk "Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" vor. Darin wird gelogen, dass es nur so kracht.

Der Sonntag: "Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Gibt es mehr als eine Wahrheit?": Das sind Fragen, die der diesjährigen Lörracher Kinderbuchmesse vorangestellt sind. Was wäre Ihre Antwort?

Ich glaube, es ist immer eine Frage der Perspektive. Man kann nicht so genau sagen, was Wahrheit ist und was Lüge. Bei Untersuchungen zum Thema kam in den letzten Jahren auch heraus, dass sich Menschen völlig falsch erinnern. Wir erinnern uns oft an das, was wir glauben wollen. Das heißt, dass unsere Wahrheit eine sehr persönliche ist und man sich nicht unbedingt darauf verlassen kann.
Der Sonntag: Sie werden unter anderem aus "Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" lesen. Seit Erscheinen des Buchs, in dem Finnland eine wichtige Rolle spielt, hält man Sie gerne für einen Halbfinnen. Hat Wahrheit auch mit Wahrnehmung zu tun?

Genau. Es ist aber auch sehr viel Projektion dabei. Ich werde sogar für einen ganzen Finnen gehalten, solange mich die Leute noch nicht gesehen haben. Weil mein Name aber so viele Vokale hat und weil ich etwas über Finnland geschrieben habe, denken die Leute, er muss Finne sein. Das ist aber falsch, ich bin zur Hälfte Araber.
Der Sonntag: Die globalisierte Welt spielt insgesamt mit. Das gilt auch, wenn Mattis kleiner Bruder Sami seines Namens wegen immer für einen Türken gehalten wird. Hat das trotz der Umkehrung auch etwas Autobiografisches?

In dem Buch steckt sogar sehr viel Autobiografisches, aber in diesem Detail eigentlich nicht. Ich fand, dass Sami ein schöner Name ist, der von Finnen und Türken oder Arabern verwendet wird, nur etwas anders ausgesprochen. Das schien mir ein lustiger Gimmick zu sein, aber nicht mehr. Anderes habe ich als Kind wirklich eins zu eins so erlebt, also zum Beispiel die Sache mit dem Delphin im Ententeich, der dann ein Aprilscherz war.
Der Sonntag: Haben Sie das immer so gemacht, Teile aus der Realität zu Büchern verarbeitet?

Das ist sehr unterschiedlich. Man bedient sich ja als Autor überall, wenn man etwas gelesen oder erlebt oder einen Film gesehen hat. Ich finde, Schreiben ist wie Spielen. Man baut sich aus Legosteinchen etwas Neues zusammen, aber die Steinchen sind natürlich vorher schon da. Die finnischen Sachen sind aber frei erfunden.
Der Sonntag: Der stille finnische Vater ist aber sehr gut vorstellbar.

Die Art, die den Finnen nachgesagt wird, war der Aufhänger, aus meinem Vater einen Finnen zu machen. Mein Vater war ein untypischer Araber, eher ein introvertierter Typ. Und um die Sache dann zu verfremden, wurde ein Finne daraus.
Der Sonntag: Wie schafft man es, sich als erwachsener Autor tief in die Kinderseele hineinzudenken?

Man schreibt einfach immer für das Kind in sich, oder das Kind, das man früher einmal war. Ich kann mich sehr gut erinnern an das, was ich damals empfunden und gedacht habe, und ich glaube, alle Kinderbuchautoren können das.
Der Sonntag: Sie haben sehr viel geschrieben und Preise und Nominierungen bekommen. Auszeichnungen für Kinderbücher sind aber im Vergleich üblicherweise weniger gut dotiert. Sind sie also weniger wertgeschätzt?

An den Preisgeldern habe ich das noch nie festgemacht, auch wenn das ins Gesamtbild passen würde. Wir Autoren haben immer das Gefühl, dass Kinder- und Jugendliteratur nicht so im Fokus steht. Sie wird auch weniger rezensiert. Noch ein Problem ist aus meiner Sicht, dass der Deutsche Jugendliteraturpreis als einziger Staatspreis keine deutschsprachige Sparte hat, sondern für Bücher aus aller Welt ausgeschrieben ist. Also ist die Konkurrenz viel größer. Das ist eine wirkliche Benachteiligung beispielsweise im Vergleich zum deutschen Buchpreis, der neben Deutschland nur Österreich und die Schweiz anvisiert.
Der Sonntag: Umgekehrt könnte man ja auch sagen, Kinderbücher sind vielleicht sogar wichtiger und können, weil sie ihre Leser früh erreichen, noch mehr bewirken.

Kinderbücher sind schon deshalb superwichtig, weil sie Kinder für Geschichten und auch fürs Lesen begeistern. Ich sehe bei meinen Lesungen in Schulen und Bibliotheken, dass Kinder es immer weniger lang schaffen, zuzuhören. Gute Geschichten sind aber wichtig, damit sie lernen, sich etwas vorzustellen. In Zeiten der visuellen Medien verlernen Kinder, sich eigene Bilder zu machen. Und das braucht man, um lesen zu können.
Der Sonntag: Andererseits können Ihre Bücher ohne pädagogischen Zeigefinger leben.

Ich würde wenigstens hoffen, dass es so ist. Ich möchte nicht so gerne mit der Moral kommen, auch wenn es natürlich etwas gibt, das ich vermitteln möchte. Wenn man aber erst eine Aussage plant und dann die Geschichte darauf schreibt, dann funktioniert es nicht so gut. Anders ist es, wenn die Geschichte und die Figuren im Vordergrund stehen und sich die Moral im Laufe des Schreibens dazugesellt.
Der Sonntag: Da sind wir wieder bei der Wahrheit. Bei Matti und Sami bekommt sie ja eine andere Ebene.

Richtig. Das wird aber oft missverstanden. Mir sagen oft Erwachsene beim Signieren, dass ich hineinschreiben soll, Du sollst nicht lügen. Das lehne ich dann ab, denn es ist nicht die Aussage des Buches. Lügen kann natürlich Probleme bereiten, aber in dieser Geschichte lügen ja alle. Wichtiger ist mir die Aussage, wenn mal was schiefläuft, kann trotzdem etwas Gutes dabei herauskommen. Manchmal machen das Schicksal oder das Universum eben verrückte Sachen. Diese Unberechenbarkeit gefällt mir sehr gut und ich bin ein großer Fan von Happy Ends. Man muss auch Hoffnung geben, dass etwas gut werden kann. Ich denke, wir brauchen positive Utopien.
Salah Naoura

Der heutige Autor wurde 1964 in Berlin als Sohn einer deutschen Mutter und eines syrischen Vaters geboren, hat Germanistik und Skandinavistik in Berlin und Stockholm studiert und war anschließend Lektor in einem Hamburger Kinderbuchverlag. Seit 1995 arbeitet er sehr erfolgreich als freier Kinderbuchautor und Übersetzer.

Die Kinderbuchmesse

Die 27. Kinderbuchmesse Lörracher LeseLust findet vom Freitag, 16., bis Sonntag, 18. November, im Burghof statt. Geboten werden jede Menge Lesungen, unter anderem mit Salah Naoura, Reza Dalvand, Christiane Röckl und Katharina Grossmann-Hensel. Das genaue Programm ist im Internet abrufbar unter http://www.burghof-leselust.com